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Am Scheideweg: Wie wir den Welthunger beenden und die SDGs erreichen können

Der weltweite Hunger ist ein politisches Problem. Das gegenwärtige Agrar- und Ernährungssystem ist nicht Teil der Lösung sondern verschärft Hunger-, Klima-, Umwelt- und Armutsprobleme. Agrarökologie verspricht dagegen einen nachhaltigen Lösungsweg im Einklang mit den SDGs.

Indische Bäuerin auf dem Feld zwischen Wei­zen, Senf und Bananen in Bihar/Indien. (Flickr/Bioversity Int./CC BY-NC-ND 2.0)

Die Anzahl der hungernden Menschen weltweit steigt das dritte Jahr in Folge wieder an. Während mehr als 820 Millionen Menschen an Hunger leiden, erzeugt die weltweite Landwirtschaft derzeit etwa ein Drittel mehr Kalorien, als für die Versorgung aller Menschen rein rechnerisch überhaupt benötigt wird. Doch der Zugang zu Nahrung bleibt den Schwächsten am häufigsten verwehrt. Die derzeitigen Ursachen für den Welthunger sind weder natürlich, noch allein Krisen geschuldet, sondern struktureller und politischer Natur.

Gegenwärtig stellt die industrielle Landwirtschaft, basierend auf dem Einsatz von Mineraldünger, Pestiziden und kapitalintensiven Maschinen, Unmengen an Erzeugnissen für den globalen Markt bereit. Doch die negativen Auswirkungen dieses Systems sind seit langem bekannt: hohe Treibhausgasemmissionen, Wasserknappheit, Bodendegeneration, Artensterben, Entwaldung und Landraub. Es stellt sich also die Frage: Wie kann der Welthunger beendet werden, auch angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und des Klimawandels, und das im Einklang mit den anderen UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs)?

 

„Klimasmarte Landwirtschaft“: Lösung oder Trugbild?

Landwirtschaft und Klimawandel sind eng miteinander verknüpft: Zum einen beeinflusst der Klimawandel die Land­wirtschaft negativ was zu dramatischen Folgen für Ernährungssicherung, Bodennutzung, Artenvielfalt und Wasserver­sorgung führen kann. Zum anderen verursacht die derzeitige Agrar- und Lebensmittelproduktion direkt oder indirekt 40% aller klimaschädlichen Emissionen und trägt damit selbst maßgeblich zur Erderwärmung bei. Der 2010 von der UN-Organisation für Landwirtschaft FAO geprägte und von ihr unterstützte Ansatz der „klimasmarten Landwirtschaft“ stellt die Sicherung und Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität auch unter sich ändernden Klimabedingungen in den Mittelpunkt. Dabei konzentriert sich der Ansatz auf eine Reduzierung von Treibhausgasemissionen, überwiegend mittels zeitlich begrenzter Kohlenstoffspeicherung in landwirtschaftlichen Böden. Studien belegen jedoch, dass auch wenn diese Kohlenstoffbindung generell wichtig ist, sie keine Alternative zu massiver Emissionsreduktion sein kann. Um den Ansatz zu fördern, hat die FAO die Plattform „Global Alliance for Climate-Smart Agriculture“ eingerichtet, die rund 230 Mitglieder zählt, darunter einige Industrieländer und hauptsächlich Unternehmen – überwiegend multinationale Saatgut-, Düngemittel-, Chemie- und Landmaschinenkonzerne.

Weltweite Kritik gegenüber der „klimasmarten Landwirtschaft“ führte dazu, dass 2015 über 350 Organisationen einen Aufruf gegen diesen Ansatz und die entsprechende Allianz unterzeichneten. Einer der primären Kritikpunkte ist, dass aufgrund nicht festgeschriebener Kriterien völlig gegensätzliche landwirtschaftliche Produktionsweisen das Prädikat „klimasmart“ für sich beanspruchen können: Praktiken mit massivem Einsatz von synthetischen Pestiziden genauso wie ökologische Anbaumethoden. In einem 2017 veröffentlichten Bericht kritisieren zwei UN-Sonderberichterstatter den Einsatz von Pestiziden, da dieser „das Recht auf angemessene Nahrung und Gesundheit für gegenwärtige und zukünftige Generationen“ untergrabe. Doch weil „klimasmarte Landwirtschaft“ sich nicht explizit auf die Menschenrechte bezieht, müssen weder die Wirkung der Maßnahmen auf besonders vulnerable Gruppen geprüft noch negative Auswirkungen verhindert werden.

 

Agrarökologie: Ein transformativer Weg zum Erreichen der SDGs

Im Gegensatz dazu basiert das Konzept der Agrarökologie auf dem Menschenrecht auf Nahrung. Weitere Grundpfeiler sind ökologische Prinzipien und der politische Ansatz der Ernährungssouveränität – das Recht aller Menschen, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen. Ökologische Anbaumethoden gründen auf dem Kreislauf von Boden-Pflanze-Tier und Mensch sowie der Unabhängigkeit von externen Betriebsmitteln wie synthetischen Pesti­ziden und Düngemitteln. Der weltweite Überfluss an Nahrung zeigt wie wichtig die Faktoren Zugang zu Nahrung und ihre Qualität, intakte Ökosysteme und partizipative Entscheidungssysteme sind. Für Olivier De Schutter, langjähriger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, zielt Agrarökologie genau auf diese Faktoren ab und trägt zugleich zu einer Steigerung der Produktivität bei, ohne auf Kosten der Bodenfruchtbarkeit zu wirtschaften.

Als eine Wissenschaft, Praxis und soziale Bewegung zugleich stellt Agrarökologie die Bedürfnisse von Kleinbauern und -bäuerinnen und Verbrauchern und Verbraucherinnen ins Zentrum. Große Bekanntheit erlangte das Konzept durch die Arbeit der internationalen Kleinbauernbewegung „La Via Campesina“, die rund 200 Millionen Bäuerinnen und Bauern weltweit vertritt. Die von den Mitgliedern der Bewegung 2015 veröffentlichte Deklaration zu Agrarökologie zielt auf eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Umgestaltung der Agrar- und Ernährungssysteme ab. Die FAO fördert und unterstützt Agrarökologie und lud im April 2018 zum zweiten Agrarökologie-Symposium ein. International findet das Konzept immer mehr Beachtung, denn Agrarökologie hat in ihrer Anwendung einen direkten positiven Beitrag zu 10 der 17 SDGs – darunter zur Geschlechtergerechtigkeit und zur Bekämpfung von Armut.

 

Das Welternährungssystem am Scheideweg

Hunger ist ein politisches Problem und eine Machtfrage. Weltweit sind jene Bevölkerungsgruppen am stärksten betroffen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Gleichzeitig kontrollieren einige wenige Konzerne weltweit die Produktion von Nahrungsmitteln, Saatgut und Dünger sowie deren Handel. Während die Mitgliederkonstellation der Allianz für „klimasmarte Landwirtschaft“ dieses Ungleichgewicht widerspiegelt und versucht das bestehende System der industriellen Landwirtschaft zu optimieren, lässt sie die Grundstrukturen unverändert. Dem gegenüber setzt die Agrarökologie auf das Durchbrechen des Machtungleichgewichts im Welternährungssystem und fordert dessen tiefgreifende Transformation, basierend auf der Demokratisierung des globalen Agrar- und Ernährungssystems, dem Recht auf Nahrung und Ernährungssouveränität für Menschen in Nord und Süd.

Derzeit unterstützt die FAO beide Ansätze. Doch in immer mehr ihrer Berichte stellt sie fest, dass die industrielle Landwirtschaft den Welthunger nicht stillen kann und auch die Klimakrise eine Trendwende fordert. Ein von der FAO beim High Level Panel of Experts (HLPE) des Komitees für Welternährung in Auftrag gegebener Bericht zu Agrarökologie soll bis Oktober 2019 vorliegen, damit auf seiner Basis politische Umsetzungsempfehlungen verabschiedet werden können. Denn „es ist an der Zeit für eine Umsetzung der Agrarökologie im großen Stil“, so der Direktor der FAO, José Francisco Graziano da Silva. Dieses „Scaling Up“ von Agrarökologie ist dringend notwendig und fordert schnelles, globales und vor allem politisch kohärentes Handeln.

Laura Y. Reiner

Bildquelle: Woman in a field of crops von Bioversity International/C. Zanzanaini lizenziert unter CC BY-NC-ND 2.0


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