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Der lateinamerikanische Patient

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Staaten Lateinamerikas sind fatal. Unterstützende Maßnahmen der Weltgemeinschaft sowie eine starke Zivilgesellschaft sind für die Lösung der Krise unerlässlich.

Der Präsident Brasiliens Jair Bolsonaro erkrankte im März selbst an COVID-19, bestreitet aber nach wie vor die Aggressivität des Virus.
Jair Bolsonaro erkrankte im März selbst an COVID-19, bestreitet aber nach wie vor die Aggressivität des Virus. (Jair Bolsonaro, Palácio do Planalto/Isac NóbregaCC BY 2.0)

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Staaten Lateinamerikas sind noch nicht abschließend einschätzbar. Zu weitreichend sind die weltweiten Verflechtungen, zu groß die Unklarheit über die Dauer der Maßnahmen und vor allem die Ungewissheit, wie stark sich das Virus ausbreiten wird. Die Reaktionen in den Ländern sind ähnlich divers wie im Globalen Norden: Während der salvadorianische Präsident Nayib Bukele eine obligatorische Quarantäne verordnete, die Grenzen schloss und jegliche Zusammenkunft verbot, hat Daniel Ortega in Nicaragua zu „Liebesdemonstrationen in Zeiten von Corona“ aufgerufen. Er leugnet die Realitäten der Pandemie ebenso wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, der so im Konflikt mit seinem eigenen Kabinett liegt, dass die Nummer zwei des Gesundheitsministeriums, der Epidemiologe Wanderson de Oliveira, seinen Rücktritt ersuchte.

Fast alle Staaten Lateinamerikas haben zu Kontaktbeschränkungen aufgerufen und setzen diese in unterschiedlicher Intensität durch. Vor diesem Hintergrund ist eine der Aufgaben nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) zurzeit, die Bevölkerung über das Virus und seine Folgen zu informieren, die aufbereiteten Materialien, der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (Pan American Health Organization – PAHO) tragen zur Sensibilisierung bei und sind eine verlässliche Quelle in Zeiten von Desinformationen und unübersichtlichen Datenflüssen. Die meist chronisch unterfinanzierten Gesundheitssysteme, werden sehr schwer mit steigenden Fallzahlen umgehen können. Auch geringe Übertragungsraten können das Gesundheitssystem in Kolumbien und Peru vor unlösbare Notlagen stellen, höhere Übertragungsraten führen überall unweigerlich zu katastrophalen Zuständen. Gerade in dieser Krise ist es zudem essentiell auch andere Krankheiten wie zum Beispiel das Denguefieber nicht aus dem Blick zu verlieren.
 

Katastrophale Lage, noch bedrohlichere Zukunft

Das Gesamtbild unterscheidet sich für die lateinamerikanischen Staaten vor allem in einem Aspekt fundamental von der europäisch-nordamerikanischen Realität: Ein bedeutender Teil der Bevölkerung ist informell beschäftigt, teilweise 75 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung. Das bedeutet, dass es weder eine soziale Grundsicherung, noch Ersparnisse gibt, jedoch die unbedingte Notwendigkeit, tagtäglich über Einkünfte zu verfügen. Einige Länder, wie Argentinien, Costa Rica und Peru haben temporäre Finanzhilfen für die ärmsten Familien angekündigt, die aber nicht mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein darstellen. Während derzeit 62,5 Millionen Menschen in Lateinamerika in extremer Armut leben, geht die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Economic Commission for Latin America and the Caribbean – ECLAC) infolge der COVID-19-Pandemie, bei einem Rückgang des BIP von 5,3 Prozent, von über 83 Millionen Ende 2020 aus.

Ein weiterer Aspekt ist die Abhängigkeit von Rücküberweisungen: So machten diese im Jahr 2019 zum Beispiel in El Salvador 16 Prozent des BIP aus. Der größte Teil stammt von Angehörigen, die in den USA, aber auch in Spanien oder Italien leben – allesamt Länder, die von der Pandemie besonders schwer betroffen sind. Zur ökonomischen Krise kommt hinzu, dass der Tourismus, von dem gerade die karibischen Länder (Dominikanische Republik: 16,4 Prozent des BIP, Kuba: 10 Prozent des BIP) und die strukturschwachen Regionen des Kontinentes abhängen, genau in der Hochsaison komplett zusammengebrochen ist. Der erwartete Rückgang der Rohstoffpreise und damit einhergehende sinkende Exporteinnahmen sowie die Abhängigkeit von den Wirtschaftspartnern USA, China und Europa, tragen nicht zum Optimismus bei.
 

Weltgemeinschaft muss unterstützen

In dieser kritischen und sich in einem Rahmen bereits bestehender Krisen, wie der extremen Überschuldung beispielsweise Argentiniens und der allgemeinen politischen Krise des Kontinentes – besonders in Bolivien, Chile, Kolumbien und Venezuela – ereignenden Situation, sind unterstützende Maßnahmen der Weltgemeinschaft unerlässlich. Unter anderem ist der Erlass von Auslandsschulden unabdingbar. Das kritische Hinterfragen politischer Entscheidungen der Vergangenheit und deren Auswirkungen, gerade auch auf die aktuelle Situation, müssen zur Gestaltung der Zeit nach der Pandemie gehören.

Disruptive Ereignisse sind für den Kontinent keine Seltenheit. Extremereignisse wie Erdbeben, Hurrikane, Vulkanausbrüche und insbesondere schwerwiegende Wirtschaftskrisen haben Lateinamerika immer wieder getroffen. NGOs sowie andere Bereiche der Zivilgesellschaft haben sich in den Zeiten von Krisen entweder der jeweiligen Situation anpassen können oder sind gestärkt daraus hervorgegangen. NGOs sind oft sehr flexibel und in der Lage dort anzusetzen, wo ihre Arbeit am dringendsten benötigt wird, ohne dabei opportunistisch zu agieren.

In der Entwicklungszusammenarbeit agierende Organisationen sollten jetzt möglichst nicht in einen COVID-19-Aktivismus verfallen, der zu Lasten bereits geplanter Entwicklungsprojekte geht, sondern ein möglichst hohes Maß an Flexibilität in der Projektförderung zeigen. Es braucht für die Umsetzung von Maßnahmen gegen die Auswirkungen des Corona-Virus unbedingt zusätzliche Gelder, denn ohne umfangreiche internationale Solidarität und ohne internationale Unterstützung wird aus der Corona-Pandemie auch eine weltweite soziale Katastrophe mit unvorhersehbarem Ausgang. Der verlässliche Zugang zu gesunden Lebensmitteln, zu Basisdienstleistungen, die Vermittlung von Kenntnissen sowie von Rechten, die Sicherung von Land, Stärkung von Klimawiderstandsfähigkeit und vor allem auch die ökonomische und rechtliche Stärkung von Frauen sind grundlegend, um gerade für marginalisierte Gruppen in Krisenzeiten Lebensgrundlagen zu schaffen und sie gleichzeitig gegen missbräuchliche Entscheidungen jedweder Art zu schützen.
 

Zivilgesellschaft ist wichtiger denn je

Trotz eines sehr düsteren Ausblickes besteht die Hoffnung, dass die Bevölkerung im Globalen Süden über eine für europäische Gemüter verwunderliche und beachtliche Widerstandsfähigkeit verfügt. Es müssen jedoch dringend konkrete Aktionen umgesetzt werden, um die regionalen Wirtschaftskreisläufe zu stärken, einem Finanzdebakel vorzubeugen und den Zugang zu sozialen Dienstleistungen universell zu ermöglichen.

Diese Pandemie zeigt deutlich, von welcher Bedeutung multilaterale Organisationen für Lateinamerika sind, nicht nur um die ökonomische Krise abzufedern, sondern auch als Garant für den Schutz der Menschenrechte und für einen Zugang zu klaren und verlässlichen Informationen. Nur gemeinsam können wir auf eine sozial-ökologische Transformation hinarbeiten, die den Prinzipien von kollektiver Verantwortlichkeit, gegenseitiger Solidarität und Gerechtigkeit genügen kann. Es ist zu hoffen, dass diese Krise, wie auch schon andere furchtbare Krisen zuvor, dazu beiträgt, neue Narrative zu schaffen und durch Kreativität sowie Solidarität neue Formen des weltweiten Zusammenlebens gedacht und ausprobiert werden können. Wir wissen: Es ist zweifellos so, dass ein hustender Mensch in Wuhan Auswirkungen auf das Leben eines Straßenverkäufers im 17.634 km entfernten Lima hat.

Lars Bedurke ist Referent für Ökumenische Begegnung bei Brot für die Welt.


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