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HDR 2019: Ungleichheit und seismische Veränderungen

Eine neue Generation von Ungleichheiten ist entstanden: in der Bildung, in Bezug auf neue Technologien und durch den Klimawandel. Daraus könnte eine neue gesellschaftliche Kluft werden, warnt der Bericht über die menschliche Entwicklung 2019.

Titelbild HDR 2019, UNDP

Unter dem Titel “Beyond income, beyond averages, beyond today: inequalities in human development in the 21st Century” zeichnet der Human Development Report (HDR) 2019 ein Bild, das sowohl Hoffnung macht, als auch Anlass zu Besorgnis gibt. „Dieser Bericht über die menschliche Entwicklung legt dar, wie systemische Ungleichheiten unserer Gesellschaft schwere Schäden zufügen und warum”, sagt Achim Steiner, Administrator des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP), das den neuen Bericht herausgegeben und am 9. Dezember in Bogotá vorgestellt hat.

Der HDR zeigt, dass viele Menschen es geschafft haben, der Armut zu entkommen. In grundlegenden Bereichen wie der Elementarbildung und der medizinischen Grundversorgung sei die gesellschaftliche Kluft geringer geworden. Doch gebe es immer noch große Lücken. In Bezug auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) zeigt sich das HDR-Team vorsichtig optimistisch: Es sei immer noch möglich, bis 2030 die schlimmste Armut zu beseitigen.

Allerdings gäbe es gestiegene Erwartungen und Ansprüche in Bereichen, die im Laufe der kommenden Jahrzehnte noch an Bedeutung zunehmen werden. Der Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und eine höhere Bildung bestimmen mit über die Erfolgschancen der Menschen im Leben. In diesen „gehobenen“ Bereichen sei die Kluft weiterhin groß und sogar gewachsen.

Noch immer gilt, dass Umstände, die völlig außerhalb ihrer Kontrolle liegen, die Menschen schon mit der Geburt oft irreversibel auf unterschiedliche Lebenswege festlegen. Oft verfestigen sie sich im Laufe des Lebens. Ungleichheiten bei der menschlichen Entwicklung schwächen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Vertrauen der Menschen in ihre Regierungen, in ihre Institutionen und in einander.

Neue Ungleichheiten verhindern – die Antwort auf globale Proteste

In verschiedenen Teilen der Welt protestieren Menschen auf der Straße. Die Demonstrationen sind ein Signal, dass trotz nie dagewesener Fortschritte im Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheiten viele Gesellschaften nicht so funktionieren, wie sie sollten, meint das HDR-Team und sieht in der Ungleichheit den roten Faden, der all diese Entwicklungen miteinander verbindet.

Zwar mag die Kluft in den nächsten Jahren noch relativ gering ausfallen, doch im Laufe der kommenden Jahrzehnte könne sie stark wachsen und bestehende Einkommensungleichheiten und Machtungleichgewichte weiter verschärfen. „Ungleichheit ist so schwer aufzubrechen, denn sie ist ein Teufelskreis“, heißt es im HDR 2019: Machtungleichgewichte ermöglichen eine weitere Konzentration des Reichtums und verschärfen sich damit weiter.

Über Durchschnitte hinaus

Durchschnittszahlen verschleiern oft, was in einer Gesellschaft tatsächlich passiert. Doch um mit Ungleichheit umgehen zu können, braucht es sehr viel detailliertere Informationen. Das gilt zum Beispiel in Bezug auf die verschiedenen Dimensionen von Armut, die UNDP für die einzelnen Länder mit dem Index der mehrdimensionalen Armut (MPI) misst. Der Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit zeigt statt einer Beschleunigung der Fortschritte eher eine Tendenz zur Verlangsamung und in einigen Ländern sogar Rückschritte in Bezug auf die Chancengleichheit von Frauen und Männern. Der Ungleichheit einbeziehende Index der menschlichen Entwicklung (IHDI) zeigt, dass Ungleichheiten in den Bereichen Bildung und Gesundheit und beim Lebensstandard dazu geführt haben, dass 2018 die Fortschritte um etwa 20 Prozent geringer ausfielen, als der Index der menschlichen Entwicklung (HDI) nahelegt. Deutschland liegt mit einem HDI-Wert von 0,939 im Länderranking derzeit auf Platz 4. Doch der Ungleichheit einbeziehende IHDI-Wert beträgt nur 0,861 – ein Abschlag von 8,3 Prozent.

Blick in die Zukunft

Im Laufe des 21. Jahrhunderts ist mit zwei Veränderungen zu rechnen, die so disruptiv oder erschütternd sein werden, dass die HDR-Autor*innen sie als “seismisch”, d.h. erbebenartig bezeichnen: der technologische Wandel und die Klimakrise.

Ungleichheit kann das Machtverhältnis für oder gegen eine Verringerung der CO2-Emissionen beeinflussen, zum Beispiel wenn eine Einkommenskonzentration an der Spitze mit klimaschutzfeindlichen Interessen zusammenfällt. Wie die Klimaproteste weltweit zeigen, besteht die Gefahr, dass fehlgeleitete politische Handlungskonzepte die tatsächlichen oder wahrgenommenen Ungleichheiten zu Lasten der ohnehin Benachteiligten verschärfen. Das muss jedoch nicht passieren. Denn wenn Staatseinnahmen etwa aus der CO2-Bepreisung ausgleichend an die Steuern zahlende Bevölkerung zurückfließen, kann sich die Ungleichheit sogar verringern lassen.

Neue Technologien, auch für erneuerbare Energien und Energieeffizienz, oder digitale Lösungen im Gesundheitswesen, machen Hoffnung, dass sich Chancen für die menschliche Entwicklung auf breiter Basis nutzen lassen könnten. Ein großes ‘Auseinanderdriften’, angetrieben durch künstliche Intelligenz und digitale Technologien, ist nicht unvermeidlich. Doch es erfordert politisches Handeln  für eine neue sichere und stabile digitale Wirtschaft, heißt es im HDR.

Gesellschaftliche Spaltungen aufgrund ungleicher menschlicher Entwicklung sind nicht unabwendbar – so die Kernbotschaft des Berichts. Die Autorinnen und Autoren empfehlen eine Doppelstrategie: beschleunigende Maßnahmen zur Verringerung von Ungleichheit in grundlegenden Bereichen und zugleich eine Trendwende bei der wachsenden Kluft in gehobenen Bereichen. Außerdem müssen geschlechts- und andere gruppenspezifische Ungleichheiten überwunden werden. Dass dies möglich ist, heißt nicht, dass es einfach sei, warnt der Bericht. Doch die Geschichte habe gezeigt, dass das Risiko, nicht zu handeln, sehr viel größer sein könnte: Wenn nämlich gravierende Ungleichheiten zu wirtschaftlichen, sozialen und politischen Spannungen und offenen Konflikten führen.

Christina Kamp


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