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Mehr Lärm fürs stille Örtchen: Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung

Menschenrechte befassen sich nicht nur mit der körperlichen und seelischen Unversehrtheit jeder einzelnen Person. Sie werden auch zunehmend umfassender verstanden und auf alltägliche Bedürfnisse, auch materieller Art bezogen. So wurde in einer Resolution der VN-Generalversammlung im Juli 2010 das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung formell anerkannt. Während beide von großer Wichtigkeit sind, liegt der Fokus in der Politikgestaltung auf Ersterem und das Recht auf Sanitärversorgung erfährt nicht die benötigte Aufmerksamkeit. Dabei geht es um nichts Geringeres, als die Möglichkeit, würdevoll, physisch sicher und gesundheitlich unbedenklich die eigene Notdurft verrichten zu können.

Eine Gruppe von VN-Mitarbeitenden hält ein Transparent mit den Worten "Toilets save lives".
Aufklärungskampagnen sollen mit Tabus rund um das Thema Toilette brechen und damit auch das Bewusstsein für eine angemessene Sanitärversorgung stärken. (UN Photo/Mark Garten)

Das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung ist direkt aus dem Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, wie in Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte festgeschrieben, abgeleitet. Auch Artikel 12 des Sozialpakts zum Recht auf Gesundheit setzt rein logisch eine funktionierende Wasser- und Sanitärversorgung voraus. Diese Rechte wurden im Jahr 1966 völkerrechtlich festgehalten. Bei der Resolution der VN-Generalversammlung zu Wasser und Sanitärversorgung handelt es sich zwar um eine für die Mitgliedsstaaten rechtlich nicht bindende Resolution, gleichzeitig stellt sie aber eine nützliche Spezifizierung der oben genannten Artikel dar.

Redebedarf trotz Vokabularmangels

In einem Essay für das Deutsche Institut für Menschenrechte verdeutlicht Inga Winkler anschaulich, warum es so schwierig ist, über dieses Thema zu schreiben oder zu sprechen. Sanitärversorgung ist bei der großen Mehrheit der Menschen ein privates Thema, oftmals ein tabuisiertes und eins für das es kein „Wohlfühl-Vokabular“ gibt. Dabei ist es ein ganz normaler Vorgang „zur Toilette zu gehen“. Zumindest ist es das für viele in einem wohlhabenden, westlichen Kulturkreis, während 2,4 Milliarden Menschen weltweit kein Klo in unserem Sinne haben, das sie für ihr menschliches Bedürfnis nutzen könnten.

Kinder schauen sich eine neu errichtete, öffentliche Toilette an.
Eine zugängliche Sanitärversorgung kann dabei helfen, Krankheiten einzudämmen und und den allgemeinen Gesundheitszustand der Bevölkerung zu heben. (UN Photo/Patricia Esteve)

Sanitär- und Wasserversorgung weltweit

Von diesen 2, 4 Milliarden Menschen müssen 946 Millionen ihr Geschäft im Freien verrichten, oftmals in offene Gewässer. Dieses de-facto Abwasser fließt dann wieder ungefiltert in den Nährstoffkreislauf ein, wenn es zum Beispiel zur Bewässerung von Feldern genutzt wird. Mindestens zehn Prozent der Weltbevölkerung konsumieren Nahrungsmittel, die durch unsicheres Abwasser verunreinigt wurden. Weitere 700 Millionen Menschen haben zusätzlich kein sauberes Trinkwasser in angemessener Qualität.

Die Weltgesundheitsorganisation hat als Richtwert festgelegt, dass 100 Liter Wasser pro Person pro Tag notwendig sind, um den persönlichen und häuslichen Bedarf angemessen zu erfüllen. Zum Vergleich: eine durchschnittliche Badewanne in Deutschland fasst zwischen 120 und 150 Litern Wasser. Bei Wassertoiletten, wie sie auch in Deutschland in Haushalten überwiegend vorkommen, werden am Tag durchschnittlich allein 35 Liter Wasser verbraucht, um Fäkalien wegzuspülen.

Nachhaltige Sanitärversorgung auch bei Wassermangel möglich

Dabei ist der Zugang zu einer angemessenen Sanitärversorgung nicht an die Verfügbarkeit von Wasser in diesen Mengen gekoppelt. Stattdessen gibt es andere und auch wassersparendere Alternativen in Form von Trockentoiletten, die besonders, aber nicht ausschließlich für wasserarme Regionen interessant sind. Beispielsweise bieten Separations- oder Komposttoiletten hygienische Gegenmodelle, bei denen die Kreisläufe von Urin, Exkrementen und Wasser nicht vermischt werden. Hier werden z. B. Sägespäne oder Rindenschrot über die Ausscheidungen gestreut.

In entlegenen ländlichen Gebieten, die von einer ausreichenden Wasserversorgung und Wasserinfrastruktur abgeschnitten sind, können durch diese Ideen trotzdem Sanitäreinrichtungen geschaffen werden. Das ist besonders wichtig, um die Ausbreitung von Durchfallerkrankungen einzudämmen, die zu den häufigsten Todesursachen in Regionen mit unzureichender Sanitärversorgung zählen.

Eine große aufblasbare Toilette steht auf dem Rasen.
Über Sanitärversorgung muss mehr gesprochen werden. Auch wenn viele das Thema als unangenehm oder privat empfinden. (UN Photo/Mark Garten)

Toiletten zur umfassenden Steigerung der Lebensqualität

Hygienisch und technisch sichere sowie kulturell akzeptierte Sanitäreinrichtungen heben den Lebensstandard von Menschen und wirken sich auch positiv auf andere Menschenrechte aus. Die Auswirkungen von Mangelernährung können dadurch abgemildert und der allgemeine Gesundheitszustand verbessert werden. Vor allem zum Wohl von Frauen und Mädchen zahlen sich Investitionen in Toiletten aus, die in der Nähe zu ihren Häusern oder Arbeitsstätten liegen, sicher zu erreichen sind und zuverlässig funktionieren. Frauen und Mädchen sind besonders gefährdet, wenn sie ungeschützt ihr Geschäft verrichten müssen. Zahlreiche Expert*innen verweisen zudem darauf, dass der Schulbesuch von Mädchen gefördert wird, wenn an der Schule nach Geschlechtern getrennte Sanitäranlagen zur Verfügung stehen.

Initiativen zur Stärkung des Themas

Als prominenteste Organisation hat sich die World Toilet Organization dem Thema angenommen. Mit Partnerschaften, wie mit der German Toilet Organization, setzen sie sich auf politischer und gesellschaftlicher Ebene durch Lobbyarbeit und Aufklärungskampagnen und -workshops dafür ein, dass weltweit alle Menschen eine angemessene Sanitärversorgung  haben. Um mit Tabus rund um die Toilette zu brechen und das Thema im politischen und gesellschaftlichen Diskurs zu stärken, wurde im Juli 2013 zudem der 19. November von den Vereinten Nationen zum Internationalen Welttoilettentag erklärt. Ein guter Tag, um sich bewusst zu machen, dass es leider nicht allen Menschen möglich ist, die Toilettentür hinter sich zu schließen und in Ruhe Darm und Blase zu entleeren. Ein Übel, das sich aber durch vergleichsweise geringen Aufwand abwenden lässt.

Claudia Jach

*Die entsprechende Resolution 64/292 der VN-Generalversammlung finden Sie unter diesem Link.


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