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Migranten in der Corona-Krise

Von Lockdowns, Jobverlusten und Reisebeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind Migranten besonders betroffen, Millionen von ihnen sitzen fern der Heimat fest. Ihre Situation hat Auswirkungen auf Geldüberweisungen in die Heimat.

In Beirut, Libanon, verteilt IOM-Personal Hygienepäckchen an gestrandete Migrantinnen und Migranten und erfasst ihren Gesundheitszustand. Foto: Muse Mohammed, International Organisation for Migration.
In Beirut, Libanon, verteilt IOM-Personal Hygienematerial an gestrandete Migrant­innen und Migranten. Foto: Muse Mohammed, IOM.

Migranten gehörten zu den ersten, die in der Krise ihre Jobs verloren. Besonders viele von ihnen arbeiten in stark in Mitleidenschaft gezogenen Branchen wie der Hotellerie und Gastronomie. Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie verwundbar sie sind, sowohl wenn ihnen die Migration verwehrt wird, als auch wenn sie fern ihrer Heimat ihre Erwerbsmöglichkeit verlieren und dort womöglich ohne Einkommen festsitzen. Nach Daten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden bislang weltweit mehr als 2,7 Millionen Menschen erfasst, die allein in Folge der Corona-Krise „gestrandet“ sind und Hilfe benötigen. Zu den Betroffenen gehören Saisonarbeiter, Menschen mit befristeter Aufenthaltserlaubnis, Studierende und Seeleute. Die tatsächliche Zahl aller Gestrandeten dürfte noch weitaus höher liegen.
 

Ohne Arbeit kein Einkommen

Was schon in „normalen“ Zeiten zur typischen Misere vieler Migranten gehörte, hat in der Corona-Krise ihre Lage um ein Vielfaches verschärft. Denn in vielen Ländern arbeiten ausländische Arbeitskräfte zu geringen Löhnen, haben keine oder nur befristete Arbeitsverträge und sind kaum sozial abgesichert. Besonders gravierend sind die Folgen der Krise für Menschen ohne Papiere und Beschäftigte im informellen Sektor.

Oft haben Migranten nur eingeschränkt Zugang zu medizinischer Versorgung, sind aber gleichzeitig in der Pandemie erhöhten Risiken ausgesetzt. Viele arbeiten in besonders exponierten Berufen oder in risikoreichen Umfeldern wie in Deutschland in der Fleischindustrie. In vielen temporären Arbeiterunterkünften sind Hygienestandards kaum einzuhalten.
 

Migration verringert Ungleichheit – auch in der Krise

Nach Angaben der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen lebten 2019 rund 272 Millionen Menschen weltweit als Migranten im Ausland – etwa 3,5 Prozent der Weltbevölkerung. Über 550 Milliarden US-Dollar an internationalen Geldüberweisungen flossen nach Weltbankdaten 2019 in Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Für viele Länder ist dies eine der wichtigsten Devisenquellen.

Internationale Migration trägt dazu bei, globale Ungleichheiten und Armut zu verringern. Entsprechend hat sich die Staatengemeinschaft mit dem Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG) 10.7 darauf verpflichtet, eine geordnete, sichere, reguläre und verantwortungsvolle Migration und Mobilität von Menschen zu erleichtern. Doch die Corona-Krise wird zu erheblichen Rückschritten führen.
 

Rückgang der Geldüberweisungen

Die Geldüberweisungen von Familienangehörigen aus dem Ausland sind für unzählige Familien in ärmeren Ländern die Rettungsleinen, von denen ihr Überleben abhängt. Durch krisenbedingte Jobverluste werden diese Rettungsleinen gekappt. Viele Migranten verfügen kaum über Rücklagen, kämpfen selbst um ihre Existenz und können es sich nicht mehr leisten, ihren Familien Geld für Lebensmittel, Schulbildung der Kinder oder medizinische Versorgung zu schicken. Die Folgen sind weitreichend und werden unzählige Familien in die Armut abrutschen lassen.

Für Asien hat die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) Schätzungen veröffentlicht, nach denen die Überweisungen von Migranten nach Asien 2020 um 31,4 bis 54,3 Milliarden US-Dollar zurückgehen könnten. Das entspräche einem Rückgang um 11,5 bis 19,8 Prozent. Die Weltbank geht für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen von einem Rückgang der Überweisungen um 20 Prozent aus, der überdurchschnittlich Entwicklungsländer und Haushalte mit niedrigem Einkommen trifft. Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen, dass es in vielen Ländern im ersten Halbjahr 2020 große Einbrüche ab März gegeben hat, sich die Zahlungen jedoch ab Mai wieder stabilisiert haben, als coronabedingte Einschränkungen nach und nach gelockert wurden.

Dass die Krise in Bezug auf die Zahlungsströme bislang nicht schlimmer ausfiel, hängt auch damit zusammenhängen, dass Migranten mit ihren Überweisungen typischerweise auf die Not ihrer Angehörigen in der Heimat reagieren und so gut wie möglich helfen wollen. Das gelingt in der Corona-Krise eher denjenigen, die in systemrelevanten Bereichen wie der Lebensmittelproduktion oder dem Gesundheits- und Pflegebereich arbeiten. Doch in vielen Fällen werden Migranten auf ihre oft geringen Ersparnisse zurückgegriffen haben. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass bei anhaltend schwacher wirtschaftlicher Lage oder einer erneuten Verschlimmerung der Pandemie die Zahlungen nicht aufrecht erhalten werden können.

Zwischen vielen Ländern sind die Möglichkeiten zur Ein- und Ausreise bzw. zum Aufenthalt derzeit versperrt oder stark eingeschränkt. Gleichzeitig kehren viele Migrantinnen und Migranten, die ihre Beschäftigung verloren haben, in die Heimat zurück. Die heimischen Arbeitsmärkte bieten ihnen jedoch gerade in der Krise kaum Beschäftigungsmöglichkeiten.
 

Herausforderungen für die Vereinten Nationen

Verschiedene internationale Organisationen setzen sich für die Belange der Migranten ein. So hilft die Internationale Organisation für Migration (IOM) Gestrandeten bei der Rückkehr in die Heimat. Sie fordert, ebenso wie die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die Herkunfts- und Zielländer auf, Migranten in ihre Programme zur sozialen Absicherung in der Corona-Krise einzubeziehen. Die ILO fordert grundsätzlich und besonders in diesen schwierigen Zeiten von Regierungen und Wirtschaft die Gleichbehandlung einheimischer und ausländischer Arbeitskräfte.

Besondere Dringlichkeit hat die Zielvorgabe 10.c der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), auf die sich die internationale Gemeinschaft vor fünf Jahren verpflichtet hat, nämlich bis 2030 die Transaktionskosten für Heimatüberweisungen von Migranten auf weniger als drei Prozent zu senken und Überweisungskorridore mit Kosten von über fünf Prozent zu beseitigen. Dadurch ließe sich erreichen, dass gerade jetzt in der Krise mehr Geld in den Heimatländern ankommt.
 

Weitere Informationen:

ActionAid Association (India): Workers in the Time of COVID-19. Round I of the National Study on Informal Workers. August 2020.

International Labour Organization. Protecting migrant workers during the COVID-19 pandemic. Recommendations for Policy-makers and Constituents. ILO Policy Brief. April 2020. https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---ed_protect/---protrav/---migrant/documents/publication/wcms_743268.pdf

International Organization for Migration (IOM): World Migration Report 2020. Genf, 2019.

International Organization for Migration (IOM): Why Migration matters for recovering better from Covid-19. Issue Brief Migration and Sustainable Development #125, Juni 2020.

International Organization for Migration (IOM): COVID-19 Impact on stranded migrants. 30. September 2020

World Bank. Poverty and Shared Prosperity 2020: Reversals of Fortune. Washington, DC. 2020
 

Christina Kamp


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