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Rückenwind für Umweltpolitik: Kernbot­schaften des Globalen Nachhaltigkeitsberichts

Am 29. November stellte die Independent Group of Scientists (IGS) in Berlin den ersten Globalen Nachhaltigkeitsbericht vor, unter dem Titel “The Future is Now: Science for Achieving Sustainable Development”.

Die Zeit zum Handeln zerrinnt. Cover des GSDR (Camilo J. Salomon, UN 2019)

Das Hochrangige Politische Forum für Nachhaltige Entwicklung (High Level Political Forum on Sustainable Development, HLPF) entschied 2016, alle vier Jahre von der IGS einen Bericht über den Stand der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und der 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) erstellen zu lassen.


Der Globale Nachhaltigkeitsbericht (Global Sustainable Development Report, GSDR) wurde Ende November im Bundesumweltministerium (BMU) im Rahmen einer Veranstaltung unter dem Titel “Rückenwind für Umweltpolitik — Kernbotschaften des ersten Globalen Nachhaltigkeitsberichts” vorgestellt und diskutiert. Die Veranstaltung wurde vom Umweltbundesamt organisiert, in Kooperation mit dem Sustainable Development Solutions Network (SDSN) Germany, adelphi, dem Öko-Institut, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH und dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).
 

Sechs Ansatzpunkte zur Realisierung der SDGs

Eine zentrale Aussage des GDSR lautet, dass die meisten SDGs im Jahr 2030 nicht erreicht werden, falls sich die derzeitigen globalen Trends fortsetzen. Während bei einigen wenigen der sozialen SDGs die Chance besteht, sie bis 2030 zu erreichen, können alle umweltrelevanten SDGs nur durch eine massive Trendumkehr erreicht werden.


Als einer der Autoren des Berichts ging Prof. Dr. Wolfgang Lutz (IGS, Wittgenstein Centre) in seiner Keynote auf die im GDSR identifizierten sechs Ansatzpunkte (6 entry points) zur Realisierung der SDGs ein: 1. Menschliche Wohlfahrt und Fähigkeiten; 2. Nachhaltige und gerechte Wirtschaftssysteme; 3. Nahrungsmittelsysteme und Ernährungsgewohnheiten; 4. Dekarbonisierung und universeller Zugang zu Energie; 5. Stadt- und Umlandentwicklung, sowie 6. Globale Umweltgemeingüter. Insbesondere können mit diesen Ansatzpunkten durch Synergien mehrere SDGs erreicht und Zielkonflikte zwischen einzelnen SDGs minimiert werden.
 

Unzureichende Geschwindigkeit der Umsetzung

Der Bericht identifiziert vereinzelte positive Trends in der Umsetzung der SDGs. Viele Staaten haben sie in ihre nationalen Strategien und Haushalte integriert. Hinzu kommt die internationale Vernetzung von sub-nationalen Akteuren wie Städten, Regionen und Unternehmen zur Kooperation bei der Realisierung der SDGs.


Allerdings werden bei der bisherigen Umsetzungsgeschwindigkeit die meisten SDGs bis 2030 nicht erreicht werden. Nur bei drei SDGs befindet sich die Staatengemeinschaft in erfolgversprechenden Zielkorridoren (≤ 5 Prozent Abweichung vom 2030-Zielwert). Bei acht SDGs besteht laut GSDR sogar eine rückläufige Entwicklung, insbesondere bei allen globalen Umweltproblemen. Als Beispiele werden absoluter Ressourcenverbrauch (SDG 12.2), Treibhausgasemissionen (SDG 13) und Biodiversitätsverlust (SDG 15.5) genannt.


Die Autoren des GSDR stellen fest, dass die SDGs bis 2030 ohne eine Trendumkehr nicht erreicht werden können. Insbesondere müsse, um mögliche Konflikte bei der Realisierung von sozialen und ökologischen Zielen zu vermeiden, das Wirtschaftswachstum absolut von Umweltzerstörung und Ressourcenverbrauch entkoppelt werden.
 

Systemische Perspektive

Die Autoren des GSDR sehen das größte Potential zur rechtzeitigen Realisierung der SDGs in vier Hebeln (4 levers), die auf die sechs oben genannten Ansatzpunkten angewandt werden müssen. Diese vier Hebel sind 1. Governance; 2. Wirtschaft und Finanzen; 3. Zivilgesellschaft und 4. Wissenschaft. Die Kraft dieser Hebel entfalte sich besonders in der interdisziplinären Kooperation von Akteuren über die begrenzten Wirkmöglichkeiten einzelner Hebel hinweg.


Im Bereich Governance sind laut Prof. Dr. Dirk Messner (SDSN Germany) insbesondere die Regionen starke Akteure – zum Beispiel planen 100 europäische Städte, bis 2035 klimaneutral zu werden. Die EU selbst müsse als “Nachhaltigkeits-Supermacht” ein weltweites Beispiel einer nachhaltigen Transformation werden. Ähnlich sieht dies Rebecca Freitag (ehemalige UN-Jugenddelegierte für Nachhaltige Entwicklung) und stellte die Frage: “Warum sehen wir die dynamische, positive Entwicklung auf EU-Ebene nicht auch auf Bundesebene in Deutschland?”


Im Finanzsektor gebe es laut Dr. Sabrina Schulz (KfW Bankengruppe) Fortschritte, im Falle der KfW zum Beispiel durch Ausschlusskriterien bei Investitionen in die Kohleindustrie und -infrastruktur. Andererseits schöpft der Finanzsektor weiterhin sein großes Potential nicht aus: Dieses könnte durch vermehrte Weiterbildung zu den Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz und durch einen stärkeren Austausch mit der Wissenschaft besser aktiviert werden.

Im Bereich Zivilgesellschaft sieht Prof. Dr. Peter Messerli (IGS & Uni Bern) eine große Chance in der Beteiligung junger Menschen an der Diskussion darüber, wie Wohlstand neu gedacht werden kann. Die Zivilgesellschaft sei an vielen Stellen viel weiter als die Politik.
 

“Politik kann jetzt mutig sein”

Der GSDR vergleicht die Größe der Anstrengungen, die für die Transformation notwendig sind, um die SDGs zu erreichen, mit einer “Mondlandemission für die Menschheit und den Planeten”. Insbesondere spiele die Wissenschaft eine entscheidende Rolle in der Erforschung von Risiken und der Entwicklung von Lösungen. Ausdrücklich wird empfohlen, dass sich Wissenschaftler*innen als eine der Akteursgruppen mit bedeutender Hebelwirkung stärker in gesellschaftliche und politische Debatten einbringen. Empfohlen werden u. a. eine globale Wissenschaftsplattform, wissenschaftspolitische Netzwerke und eine Stärkung der Wissenschaftskommunikation.
Die größten Potentiale im Bereich Politik bestehen laut GSDR im Überwinden von sektoralem Denken, in neuen Formen des transformativen Lernens, sowie in verpflichtenden Vorgaben, Budget-Planungen an den SDGs auszurichten. In den Worten von Prof. Dr. Dirk Messner: “Politik kann jetzt mutig sein”.

Christoph Schönherr


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