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UN-Konferenz für eine ‘Nachhaltigkeitsrevolution‘ im Transportwesen

Mit mehr als einem Viertel des globalen Ausstoßes an Treibhausgasen aus fossilen Brennstoffen ist der Transportsektor klimapolitisch einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche. Er unterliegt hohem Handlungsdruck, die Energiewende zu schaffen.

Eine Fahrradfahrerin fährt vor einer langen Reihe an weißen Autos.
Eine Fahrradfahrerin in Kambodscha fürht einen UNTAC-Autokonvoy an. (UN Photo/J. Bleibtreu)

Wie kann der Transportsektor weltweit nachhaltiger werden? Darüber diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf der 2. UN-Konferenz für nachhaltiges Transportwesen, die als Hybrid-Veranstaltung Mitte Oktober in Peking stattfand. Die Konferenz schloss mit einem Aufruf zu schnelleren Fortschritten hin zu einem nachhaltigen Transportwesen, das sowohl die Treibhausgase erheblich verringern würde als auch Millionen Menschen ein besseres Leben ermöglichen würde. Mehr Tempo ist dringend notwendig, denn trotz der Einschnitte durch die Corona-Pandemie wird der Verkehr weltweit weiter zunehmen und droht, den Klimawandel weiter anzuheizen, wenn nicht wirksam gegengesteuert wird.

Wie abhängig die Welt von funktionierenden Transportverbindungen ist, hat die Pandemie deutlich vor Augen geführt. Gleichzeitig hat sie gezeigt, wie rasch substanzielle Veränderungen möglich sind: Viele Menschen fahren mehr Fahrrad. Online-Konferenzen ersparen Geschäftsreisen und Home Office-Lösungen viele Pendlerwege. Nach einer Studie des ifo-Instituts war in Deutschland in der Pandemie das Homeoffice-Potenzial aber noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Bei 56 Prozent aller Beschäftigten sei das Arbeiten von zu Hause zumindest teilweise möglich.

Während das reduzierte Verkehrsaufkommen in der Pandemie zeitweilig weniger Emissionen, Luftverschmutzung, Staus und Unfälle mit sich bringt, gibt es aber auch Kehrseiten. Lieferketten wurden unterbrochen. Vom Tourismus abhängige Länder und Regionen erleben wirtschaftliche Einbußen. Der massive Rückgang der Nachfrage hat zu erheblichen finanziellen Problemen auch bei Verkehrsträgern geführt, die für die Wende hin zu mehr Nachhaltigkeit von großer Bedeutung sind: bei der Bahn und im ÖPNV. Hinzu kommen Schäden an der Verkehrsinfrastruktur durch Extremwetterereignisse.

Das Transportwesen widerstandsfähiger machen

Die Erholung von der Pandemie gilt als Chance, Verkehrssysteme resilienter zu gestalten, Investitionen in die Nachhaltigkeit im Transportwesen zu lenken, und dabei gleichzeitig zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen. Die hochrangige Beratungsgruppe des UN-Generalsekretärs zu nachhaltigem Transport definiert ein nachhaltiges Transportwesen als „die Bereitstellung von Dienstleistungen und Infrastruktur für die Mobilität von Personen und Gütern, durch die die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung zum Nutzen heutiger und zukünftiger Generationen vorangebracht wird, auf eine Weise, die sicher, erschwinglich, zugänglich, effizient und resilient ist und wobei CO2- und andere Emissionen und die Auswirkungen auf die Umwelt minimiert werden.”

Entsprechend legte die Konferenz nicht nur einen Fokus auf die Klimawirkungen und -anfälligkeiten des Verkehrs, sondern auch auf viele wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte, die mit bedacht werden müssen.

Sicherheit und Infrastrukturausbau

Ebenso wie es gilt, den Verkehr zu „dekarbonisieren“, das heißt die Abkehr von fossilen Brennstoffen zu schaffen, muss entsprechend den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) auch einem erheblichen Nachholbedarf Rechnung getragen werden. Die Infrastruktur und die Verkehrsverbindungen in abgelegenen, oft ländlichen Regionen müssen verbessert werden, ebenso in Ländern mit niedrigem Einkommen, die keinen Zugang zum Meer haben oder kleine Inselstaaten sind.

In vielen Teilen der Welt müssen öffentliche Verkehrsmittel für Frauen und Mädchen sicherer gemacht werden. Fuß- und Radwege müssen – auch in Deutschland – ausgebaut werden. Im Sinne der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung darf niemand zurückgelassen werden. Die Mobilität der Ärmsten, der Jungen und Älteren und von Menschen mit Behinderungen muss entsprechend ihrer Bedürfnisse ermöglicht werden. „Die Dekarbonisierung muss Hand in Hand gehen mit einer gerechten und inklusiven Verkehrswende, um Ungleichheiten abzubauen und die ärmsten Gemeinschaften zu unterstützen”, so UN-Generalsekretär António Guterres in seiner Eröffnungsrede zur Konferenz.

Die Nachhaltigkeitsrevolution

Es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass die ‘Nachhaltigkeitsrevolution‘ im Verkehr begonnen hat. Es gibt immer mehr Elektrofahrzeuge und Ladestationen, durch erneuerbare Energien angetriebene Busse, Bike-Sharing, Carpooling, Ausbau und Verbesserungen des ÖPNV, etc. Neben neuen technischen Lösungen und der smarten Vernetzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel braucht es aber auch einen Wertewandel in der Gesellschaft, der die Entwicklung beschleunigt.

Allen Akteuren komme eine Rolle zu, angefangen bei Einzelpersonen, die ihr Reiseverhalten anpassen, bis hin zu Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck grundlegend verändern, betonte der UN-Generalsekretär. Aufgabe der Regierungen sei es, durch Standardsetzung, Anreize und Besteuerung die Weichen für ein sauberes Verkehrswesen zu stellen und auch den Infrastrukturausbau und das Beschaffungswesen stärker zu regulieren.

Flug- und Schiffsverkehr auf gefährlichem 3-Grad-Kurs

Guterres machte in seiner Rede besonders deutlich, wie weit vor allem der Flug- und Schiffsverkehr noch von einem wirksamen Klimaschutz entfernt sind. Mit den derzeitigen Selbstverpflichtungen in diesen Bereichen werde das 1,5 Grad-Ziel verfehlt und die Welt steuere auf eine Erwärmung um drei Grad zu. Deshalb sei die Verabschiedung neuer ambitionierterer und glaubwürdiger Zielvorgaben im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen für die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) und die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) von dringender Priorität, so Guterres.

Konkret skizzierte Guterres die Herausforderungen wie folgt: Die Produktion von Verbrennungsmotoren soll in den Haupterzeugerländern ab 2035, in Entwicklungsländern ab 2040 der Vergangenheit angehören. Um im Schiffsverkehr bis 2050 auf Null-Emissionen zu kommen, müssen bis 2030 emissionsfreie Schiffe zum Standard werden und überall kommerziell verfügbar sein. Um die CO2-Emissionen pro Flugpassagier bis 2050 auf 65 Prozent zu reduzieren, müssen die Unternehmen jetzt damit beginnen, im Flugverkehr nachhaltige Treibstoffe einzusetzen.

All dies erfordert große Investitionen und – wie in der Abschlusserklärung der Konferenz, dem „Beijing Statement“ deutlich wird – integrierte, interdisziplinäre und sektorübergreifende Ansätze und mehr internationale Zusammenarbeit, Koordination und eine kohärentere Politik. Nach Schätzung der Weltbank ließen sich durch die Nachhaltigkeitswende im Verkehr jedoch bis 2050 rund 70 Billionen US-Dollar einsparen.

Ohne tiefgreifende Veränderungen hin zu nachhaltiger Mobilität lassen sich weder die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) noch die Pariser Klimaziele erreichen. Sowohl in Bezug auf die Nachhaltigkeits- als auch auf die Klimaziele war die Welt schon vor der Corona-Krise nicht “auf Kurs“. Nach dem aktuellen Sachstandsbericht des Weltklimarates scheint eine Erderwärmung von über 1,5 Grad kaum noch abwendbar.

Christina Kamp

Weitere Informationen:

Hintergrundbericht: Interagency report on sustainable transport - ’Sustainable Transport, Sustainable Development, United Nations, Department of Economic and Social Affairs, 2021


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