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Wer entscheidet über unsere Zukunft?

Schon vor der Corona-Pandemie hatten junge Menschen kaum Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen. Die Krise droht sie noch weiter in den Hintergrund zu drängen, in Schule und Ausbildung, Gesundheitsversorgung, auf dem Arbeitsmarkt. Doch es geht um ihre Zukunft. Ihre Stimme muss zählen.

Die Einsicht, dass wir alle verschieden von der Pandemie, ihren Auswirkungen und der damit einhergehenden Politik betroffen sind, hat sich mittlerweile durchgesetzt. Das gilt auch für junge Menschen. Gerade von den sozio-ökonomischen Auswirkungen der Pandemie sind junge Menschen besonders stark betroffen, betonte Antonió Guterres in einem Bericht bereits im März dieses Jahres. Dabei sind sie es, die an vielen Stellen einspringen, wo es gerade benötigt wird: Ob bei der Verbreitung von Informationen an entlegenen Orten, in lokalen Sprachen oder im Internet, sowie als Freiwillige, die ältere, geflüchtete oder anderweitig hilfsbedürftige Menschen unterstützen.


Auch ohne Corona: Politik ohne junge Menschen

Doch dort, wo politische Entscheidungen getroffen werden, sind junge Menschen unterrepräsentiert und ihre Stimmen werden in politischen Entscheidungsprozessen oft nicht gehört und mitbedacht. Nur 2% aller Abgeordneten in nationalen Parlamenten weltweit sind unter 30 Jahren alt. Möglichkeiten der Jugendpartizipation sind auf allen politischen Ebenen häufig kaum institutionalisiert und somit nicht krisenfest. Jugendliche beteiligen sich stattdessen am politischen Geschehen zumeist in zivilgesellschaftlichen Organisationen, etwa über Jugendverbände oder bei Demonstrationen. Jetzt, da sich Entscheidungsprozesse wandeln, ins Digitale verlagern und dabei auf ein Mindestes reduziert werden, sind Vertretungen der Zivilgesellschaft und insbesondere junge Menschen die ersten, die außen vorgelassen werden.

Bereits vor dem Ausbruch der Pandemie fehlten robuste Strukturen, die es jungen Menschen erlauben, sowohl als Interessenvertretungen ihrer Generation am politischen Geschehen teilzuhaben und ihren Belangen Gehör zu verschaffen, als auch als Lernende, die es gilt, aktiv miteinzubeziehen und an politische Strukturen heranzuführen. Mancherorts sind junge Menschen gut vernetzt und es existieren Strukturen, die Jugendvertretungen Mitspracherechte einräumen. Nur ist dies noch eher die Ausnahme als die Regel. Einige zeigen sich optimistisch, dass jetzt Vernetzung auch international möglich wird, da ohnehin hauptsächlich über das Internet kommuniziert wird. Wie nachhaltig dort Strukturen aufgebaut werden, die sich gestaltend in die Politik einbringen können, wird sich zeigen. Wo gravierenden Einschnitte in das Lebens aller beschlossen werden, sollten die Lebensrealitäten junger Menschen mitberücksichtigt werden.


Schließung der Schulen vergrößert Benachteiligungen

Die wohl größte Zäsur in ihrem Alltag dürften die Schließungen der Schulen und Universitäten weltweit verursacht haben, von denen knapp 90% aller Schülerinnen, Schüler und Studierenden betroffen sind. Die Möglichkeiten, die Ausbildung während und nach der Krise fortzusetzen sind ungleich verteilt. So wird die momentane Bildungspolitik weitreichende Folgen für die manchmal bereits jetzt als „Lost Generation“ Bezeichneten haben.

Die unvermeidliche Verlagerung des Unterrichtes ins Digitale lässt ohnehin ungleiche Bildungschancen weiter auseinanderklaffen. Der „Digital Divide", der ungleiche Zugang zu digitalen Ressourcen und dieser Tage damit auch zu Bildung, legt offen, an welchen Stellen Bildungspolitik hätte Chancengleichheit schaffen müssen. Während die digitale Lehre die Fortsetzung der Ausbildung, wenn auch bedingt, gewährleisten kann, kann die Schule als Zufluchtsort vor schwierigen familiären Verhältnissen nicht ohne weiteres ersetzt werden. Gewalt gegen Kinder und junge Frauen nimmt während der Ausgangsbeschränkungen zu. Gerade jetzt braucht es Strukturen zum Schutz von betroffenen Kindern. Auch fallen mit dem Unterricht allein für etwa 16 Millionen Kinder in Süd- und Ostafrika ihre täglichen Mahlzeiten aus. Damit steigt das Risiko für Unterernährung für bereits marginalisierte Kinder, was wiederum weitreichende Folgen für ihre Entwicklung hat.

Die Schulschließungen werden noch weitere Spuren hinterlassen. Anstatt zur Schule zurückkehren zu können, ist ein Anstieg der Zahlen von Kindesheiraten zu erwarten, die Mädchen und jungen Frauen aus einkommensschwachen Familien viele der Chancen, die ihnen ein Schulabschluss ermöglichen könnte, nehmen wird. Die finanziellen Notlagen, in der viele Familien sich derzeit befinden, macht auch einen Anstieg der Kinderarbeit sehr wahrscheinlich. Betroffenen Kindern ist die Rückkehr zur Ausbildung und damit eine aussichtsreichere Zukunft genommen.


Maßnahmen gehen an Bedürfnissen junger Menschen vorbei

Der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung ist für viele junge Menschen oft schwierig, insbesondere ohne Krankenversicherung und flächendeckende Infrastruktur. Weiter erschwert wird er dadurch, dass junge Menschen einen Großteil derjenigen ausmachen, die im informellen Sektor und in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind. Mit den fiskalpolitischen Maßnahmen, für die Regierungen weltweit gerade viel Geld in die Hand nehmen, ist ihnen daher auch kaum geholfen. Die langfristigen Folgen – z. B. der Abbau der riesigen Staatsschulden – werden stattdessen auf sie abgewälzt. Umso wichtiger ist es, kurz- und langfristige Auswirkungen der momentanen Politik auf junge Menschen im Blick zu behalten, um jetzt und in Zukunft ihr Wohlergehen sicherzustellen.

Auch Maßnahmen zur sozialen Sicherung müssen an ihre Lebensrealitäten und Bedürfnisse angepasst werden. Denn junge Menschen sind in vielen Fällen weniger gut gegen die ökonomischen Folgen der Krise abgesichert und gleichzeitig stärker von Jobverlusten gefährdet. „Ohne gezielte Maßnahmen ist es wahrscheinlich, dass junge Menschen wieder disproportional von der globalen Rezession getroffen werden, und eine höhere Arbeitslosenquote im Vergleich zu Erwachsenen sowie einen langsameren Anstieg der Beschäftigung aufweisen werden,“ warnt die Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der UN. Dabei sind junge, gesunde Menschen gerade auf lange Sicht für den Aufschwung nach der Krise und für die Erreichung der Ziele für Nachhaltige Entwicklung unabdinglich.

Es ist ihre Zukunft, für die im Moment Entscheidungen mit weitreichenden Folgen getroffen werden. Ob Klimawandel oder Arbeitswelt von morgen, gerade jetzt ist es notwendig auf die Stimmen junger Menschen zu hören, damit der Vorsatz „Build back better“ gelingt. Auch wenn Bewegungen wie etwa „Fridays for Future“ weniger präsent sind, verlieren die Belange nicht an Aktualität und Dringlichkeit. Die Beteiligung der Jugend an Entscheidungen sollte nicht weiter vernachlässigt, stattdessen verwirklicht und erweitert werden, wie es in der UN-Jugendstrategie oder dem Weltaktionsprogramm für die Jugend festgeschrieben ist.
 

Nora Teuma studiert in Bayreuth Philosophy & Economics und ist DGVN-Jugendbeobachterin.


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