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2019: Internationales Jahr der indigenen Sprachen

Um auf die Gefährdung indigener Sprachen aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen 2019 zum „Internationalen Jahr der indigenen Sprachen“ erklärt. Das Jahr soll zeigen, wie wichtig der Schutz, die Wiederbelebung und Förderung dieser Sprachen für eine nachhaltige Entwicklung sind.

Logo zum Internationalen Jahr der indigenen Sprachen 2019

Sprache hilft, mit der Welt zu kommunizieren, über Sprache wird Identität definiert und Kultur und Geschichte bewahrt. Sprache ist von zentraler Bedeutung, damit Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und ihre grundlegenden Rechte verteidigen können. Dies gilt auch und besonders für die rund 5000 indigenen Kulturen in 90 Ländern dieser Welt, deren Recht auf ihre eigene Sprache bislang nur lückenhaft umgesetzt ist – und damit ihr Recht auf selbstbestimmte Entwicklung.

 

Bedrohte Sprachen

Insgesamt gibt es nach UNESCO-Angaben derzeit weltweit noch 7000 Sprachen. Davon gelten 2680 als gefährdet. Viele indigene Sprachen, zum Beispiel viele indianische in Nordamerika, sind bereits ganz verschwunden. Bereits im „Internationalen Jahr der Sprachen” 2008 hatte die Nichtregierungsorganisation Survival darauf hingewiesen, dass es sich bei den meisten der bedrohten Sprachen um indigene Sprachen handelt. Am stärksten gefährdet seien die Sprachen der rund 100 unkontaktierten Völker.

In vielen Fällen werden indigene Sprachen und die Menschen, die diese Sprachen sprechen, diskriminiert oder indigene Muttersprachen werden zugunsten nationaler Mehrheitssprachen vernachlässigt und kaum noch an junge Generationen weitergegeben. In anderen Fällen sind die Bevölkerungsgruppen, die diese Sprachen sprechen, selbst so bedroht, dass die Sprachen mit dem Tod ihrer letzten Sprecherinnen und Sprecher für immer verloren gehen werden. Zusammen mit den Sprachen kommt es zu einem Verlust einzigartiger Denkweisen, Bedeutungen und Ausdrücke und ganzer Systeme zum Erfahren, Verstehen und Interpretieren der Welt, die sich zum Teil über Jahrtausende entwickelt haben. Damit geht auch ein wichtiger Teil der kulturellen Vielfalt auf diesem Planeten verloren.

 

Schwerpunkte des IYIL2019

Entsprechend der kulturellen Bedeutung indigener Sprachen liegt die Federführung bei den Aktivitäten zum „International Year of Indigenous Languages“ (IYIL2019) bei der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). In einem Aktionsplan sind fünf Handlungsfelder festgelegt:

1. Förderung von Verständigung, Versöhnung und internationaler Kooperation

2. Schaffung günstiger Rahmenbedingungen zur Verbreitung von Kenntnissen und positiven Beispielen bezüglich indigener Sprachen

3. Integration indigener Sprachen in allgemeine gesellschaftliche Kontexte

4. Empowerment durch Verbesserung von Kapazitäten im Bildungsbereich

5. Wachstum und Entwicklung durch Erarbeitung neuer Erkenntnisse

Die offizielle Auftaktveranstaltung zum IYIL2019 ist am 28. Januar 2019 in Paris geplant.

 

Das Recht indigener Völker auf ihre eigene Sprache

Für indigene Völker ist der Zugang zu Informationen in ihren eigenen Sprachen jedoch nicht nur eine Frage kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe. Er ist ein grundlegendes Recht, festgeschrieben in der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker von 2007 (Resolution 61/295), und zugleich Voraussetzung für die Durchsetzung verschiedener anderer Rechte, um die Selbstbestimmung indigener Völker sicherzustellen.

So heißt es in Artikel 13 der Erklärung: „1. Indigene Völker haben das Recht, ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre mündlichen Überlieferungen, ihre Denkweisen, ihre Schriftsysteme und ihre Literatur wiederzubeleben, zu nutzen, zu entwickeln und an künftige Generationen weiterzugeben“. Die Staaten müssen dieses Recht gewährleisten und sicherstellen, dass indigene Völker politische, Rechts- und Verwaltungsverfahren verstehen und dabei verstanden werden.

Nach Artikel 14 haben indigene Völker das Recht, ihre eigenen Bildungssysteme und -institutionen einzurichten und zu kontrollieren, in denen in ihrer eigenen Sprache und in einer ihren kulturspezifischen Lehr- und Lernmethoden entsprechenden Weise unterrichtet wird. Die Staaten müssen sicherstellen, dass indigene Menschen, insbesondere Kinder, Zugang zu Bildung in ihrer eigenen Kultur und in ihrer eigenen Sprache haben. Entsprechend Artikel 16 haben indigene Völker das Recht, eigene Medien in ihrer eigenen Sprache einzurichten.

 

Das Prinzip der „freiwilligen und in Kenntnis der Sachlage erteilten Zustimmung“

Laut Artikel 32 der Erklärung müssen Staaten die „freiwillige und in Kenntnis der Sachlage erteilte Zustimmung“ indigener Völker einholen, bevor sie ein Projekt genehmigen, das sich auf deren Land oder deren Gebiete und sonstigen Ressourcen auswirkt, insbesondere im Zusammenhang mit der Erschließung, Nutzung oder Ausbeutung von Bodenschätzen, Wasservorkommen oder sonstigen Ressourcen.

In ihren aktuellen Berichten an den UN-Menschenrechtsrat macht die Sonderberichterstatterin zu den Rechten indigener Völker, Victoria Tauli-Corpuz, deutlich, dass sprachliche Barrieren ein Problem darstellen, wenn indigene Bevölkerungsgruppen im Zusammenhang mit Investitionsprojekten gegen Verletzungen ihrer Menschenrechte vorgehen und Gerechtigkeit einfordern wollen. Oft mangele es an rechtlichem Beistand und Dolmetscher stünden in den Rechtssystemen vieler Länder häufig nicht zur Verfügung. Die Sonderberichterstatterin spricht die Empfehlung an die Staaten aus, indigenen Völkern echte Partizipation und Zugang zu Informationen in kulturell angepasster Form in einer Sprache zu ermöglichen, die sie verstehen – und das in allen Phasen von Projekten, angefangen mit Verträglichkeitsprüfungen in Bezug auf Menschenrechte über die Projektplanung und -umsetzung bis hin zum Monitoring.

Ende 2019 wird sich schließlich der Erfolg des „Internationalen Jahres indigener Sprachen“ nicht nur daran messen lassen müssen, ob bedrohte Sprachen in Zukunft besser dokumentiert und vielleicht gerettet werden können. Er wird auch davon abhängen, inwieweit das Jahr dazu beiträgt, die Rechte indigener Völker besser zu verwirklichen und den Zielen für nachhaltige Entwicklung damit ein deutliches Stück näher zu kommen.

Christina Kamp

 

Weitere Informationen:

Offizielle Webseite zum „Internationalen Jahr der indigenen Sprachen“


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