Das System der UN-Friedenssicherung retten: Warum sich die Bundesregierung in der UN-Haushaltskrise engagieren muss

Der Hintergrund
Die Zahl der Kriege, vor allem aber der innerstaatlichen Auseinandersetzungen, nimmt weltweit seit Jahren stetig zu. Diese Entwicklung steht in direktem Zusammenhang mit der zunehmenden Beteiligung nichtstaatlicher Akteure an bewaffneten Konflikten, dem Zusammenbruch von Rechtsstaatlichkeit angesichts von Terrorismus, Organisierter Kriminalität, urbaner Gewalt und gewaltsamen Extremismus und der durch den Klimawandel verschärften Ressourcenknappheit.
Internationale Konflikte gefährden mittelbar auch die nationale Sicherheit Deutschlands, etwa durch regionale Instabilität, Flüchtlingskrisen und das Aufkommen krimineller und extremistischer Gruppen. Sie führen vor Ort zu einem Zusammenbruch der Ordnung und begünstigen illegale Aktivitäten wie Waffen- und Menschenhandel über Grenzen hinweg. Durch gesellschaftliche, wirtschaftliche und informationelle Vernetzungen wirken diese Konflikte auch bei uns, etwa wenn in Deutschland lebende Menschen in die Auseinandersetzungen hineingezogen werden und gesellschaftlich Raum für gewalttätigen Extremismus geschaffen wird. Darüber hinaus bestehen spezifische nationale Interessen der Außen- und Sicherheitspolitik in aktuellen Krisenländern.
Die Rolle Deutschlands in der modernen UN-Friedenssicherung
Die Sicherung des internationalen Friedens ist Kernaufgabe der Vereinten Nationen nach Artikel 1 ihrer Charta. Krisen sind komplexer geworden, und die UN-geführten Missionen müssen daher ein immer breiteres Aufgabenspektrum erfüllen. Dies stellt die Vereinten Nationen vor erhebliche Herausforderungen bei der Planung, Durchführung und Beendigung von Missionen.
Das deutsche Engagement für UN-Friedensmissionen war stets ein wichtiger Bestandteil deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Neben der personellen Beteiligung an UN-Friedensmissionen trägt Deutschland als viertgrößter Beitragszahler (nach USA, China und Japan) weiterhin maßgeblich zur Finanzierung der Friedensmissionen bei.
Gekürztes Budget – unveränderte Mandate – mehr Instabilität
Die aktuelle Liquiditäts- und Finanzkrise der Vereinten Nationen hat unmittelbare Auswirkungen auch auf die UN-Friedensmissionen. Im Oktober 2025 hat UN-Generalsekretär António Guterres Notfallmaßnahmen für alle Friedenssicherungseinsätze angekündigt, um die Liquiditätskrise in diesem Bereich zu bewältigen. Die Friedensmissionen wurden angewiesen, ihre Ausgaben in allen Bereichen für das Haushaltsjahr um 15 Prozent zu kürzen. Aufgrund des engen Zeitrahmens für die Umsetzung führt dies zum 1. Januar 2026 zu 17 bis 20 Prozent Personalkürzungen im UN-Sekretariat und den gegenwärtig elf UN-Friedensmissionen. In der Folge wurde außerdem damit begonnen, Kostenrückerstattungen der Vereinten Nationen an truppenstellende Länder zu verzögern oder auszusetzen – ein Schritt mit potenziell gravierenden Folgen für die Bereitschaft von Mitgliedstaaten, sich an Friedensmissionen zu beteiligen. Um die Kürzungen zu erreichen, werden Missionen weiter verkleinert, Missionsstandorte geschlossen, wo sie oft am nötigsten sind, zivile Komponenten ausgedünnt und operative Risiken in Kauf genommen, während Mandate kaum angepasst werden.
Deutschland als Stimme für verlässliche Finanzierung
Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten ein kontinuierlicher, verlässlicher Unterstützer der UN-Friedensmissionen gewesen. Die Zukunft der UN-Friedenssicherung wurde auch während des „UN Peacekeeping Ministerial“ im Mai 2025 in Berlin diskutiert, dem hochrangigsten Treffen zu UN-Friedensmissionen. Dabei hat sich Deutschland öffentlich dafür eingesetzt, dass die Missionen reformiert und an die Bedingungen und Herausforderungen der aktuellen Krisen und Konflikte angepasst werden. Gerade jetzt, im Rahmen der aktuellen Haushaltsdiskussionen der UN-Generalversammlung in New York, sollte Deutschland konkrete Vorschläge entwickeln und unterbreiten: für das System der UN-Friedensmissionen, seinen Erhalt und eine fortgesetzte verlässliche Finanzierung. Es geht darum, die Auswirkungen der UN-Liquiditäts- und Finanzkrise auf die Glaubwürdigkeit, Handlungsfähigkeit und Sicherheit von UN-Operationen begrenzen zu helfen.
Wie Deutschland jetzt reagieren sollte
Die DGVN fordert die Bundesregierung auf, während der aktuellen Haushaltsberatungen der UN-Generalversammlung mit Nachdruck
- die strukturelle Dimension und Systemrelevanz der Liquiditäts- und Finanzkrise der Vereinten Nationen zu benennen – insbesondere mit Blick auf deren unmittelbare Auswirkungen auf die UN-Friedensmissionen und das gesamte Friedens- und Sicherheitsgefüge der Vereinten Nationen,
- die Vertragstreue und Zahlungsdisziplin Deutschlands politisch zu nutzen, um ein reformiertes, krisenfestes Finanzierungs- und Mandatssystem der Vereinten Nationen zu entwickeln, das das System nicht weiter strukturell lähmt,
- eine führende Rolle bei der Entwicklung und Durchsetzung neuer Ansätze zu übernehmen – auf europäischer Ebene, aber auch darüber hinaus –, die eine bessere Verzahnung von Mandaten, Finanzierung, Planung und Umsetzung ermöglichen und verhindern, dass das UN-System insbesondere im Bereich Frieden und Sicherheit weiter erstickt wird.
Die DGVN steht mit ihrer Expertise und Erfahrung zur Unterstützung bereit.
Die Erklärung des geschäftsführenden Vorstands der DGVN im PDF-Format.


