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Die DGVN trauert um Manfred Eisele

Manfred Eisele prägte als Generalmajor der Bundeswehr und Beigeordneter UN-Generalsekretär die frühere Hauptabteilung Friedenssicherungseinsätze (DPKO) in New York entscheidend mit. Am 24. August 2025 ist Eisele im 88. Lebensjahr verstorben.

Manfred Eisele
Manfred Eisele. Foto: SKA/IMZBw

Manfred Eisele hat es selbst erlebt. Er wusste, was es bedeutet, alles Hab und Gut zu verlieren und wieder bei null anzufangen. Als Flüchtlingskind überlebte er die Wirren des Zweiten Weltkrieges, dann folgte seine Schulzeit im zerbombten Hamburg in den 1950er Jahren, schließlich war der sowjetische Einmarsch zur Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 1956 Auslöser für seinen Entschluss, in der Bundeswehr zu dienen. Jahrzehnte später war Manfred Eisele wieder mit Zerstörung, Massenvertreibungen und menschlichem Elend konfrontiert: als Beigeordneter Generalsekretär der Vereinten Nationen von 1994 bis 1998, zuständig für die Planung und Unterstützung der weltweiten UN-Friedensmissionen. Nun gehörten Menschenrechtsverletzungen, Bürgerkriege, ethnische Säuberungen und Vernichtungswillen zu den bitteren täglichen Rahmenbedingungen, deren Überwindung auch durch die Entsendung von Blauhelmen abgesichert, in den betroffenen Krisenregionen möglichst gar dauerhaft ausgeschlossen werden sollten.

Manfred Eisele stellte sich dieser Aufgabe wie so vielen davor, nahm die Verantwortung an. Nach einer beeindruckenden Karriere in der Bundeswehr, die ihn bis in die Generalsränge führte und mit reichhaltiger Erfahrung in Führungsaufgaben, im Personalmanagement und in der Sicherheitspolitik ausstattete, folgte 1994 als beruflicher Höhepunkt die Berufung an den New Yorker UN-Amtssitz durch den damaligen Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali. Die Herausforderung war präzedenzlos: die bis zu 17 gleichzeitigen UN-Friedenssicherungsmissionen in einem veränderten internationalen Umfeld planerisch und konzeptionell neu aufstellen. Wie sich bald herausstellte, war die Entsendung Eiseles durch die Bundesregierung ein Glücksfall. Denn Eisele orientierte sich schnell im globalen, ungewöhnlich komplexen Aufgabenfeld, setzte bald eigene Akzente, verstand sich zudem ausgezeichnet mit Kofi Annan, der zunächst noch die Hauptabteilung leitete und dann im Jahr 1997 UN-Generalsekretär wurde.

In der Dekade nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, mit den aktuellen Erfahrungen der Völkermorde von Ruanda (1994) und Srebrenica (1995) und angesichts einer sprunghaft angestiegenen Nachfrage nach UN-Friedensmissionen war die Neustrukturierung des UN-Sekretariates im Friedenssicherungsbereich dringlich. Und Manfred Eisele handelte. Mit klarem Blick für das Wesentliche, ungetrübter Urteilskraft, geleitet von klaren Prinzipien und durch gekonntes Management sorgte er dafür, dass zwischen heterogenen Arbeitseinheiten neue Synergien entstanden und die UN-Missionen handlungsfähiger wurden. „The General“, wie er von Wegbegleitern und Mitarbeitern voller Wertschätzung genannt wurde, forcierte etwa ‚Standby‘-Abkommen zur Verbesserung der Reaktionsbereitschaft der UN, förderte die Integration von Polizei und den Kampf gegen die Minengefahr als Elemente der mehrdimensionalen UN-Friedenssicherung, unterstützte robuste Mandatierungen und schätzte mutige Entscheidungen von Kommandeuren vor Ort, forderte die konsequente Evaluierung von Friedenseinsätzen und Initiierte eine Reform zur vereinfachten Kostenrückerstattung. Wenn – wie häufig – Unerwartetes geschah, etwa als UN-Polizisten in Bosnien als Geiseln genommen wurden, stand er dem Sicherheitsrat Rede und Antwort. Von San Diego bis Berlin, von Bangladesch bis Uruguay: Manfred Eisele erläuterte dem interessierten Publikum die Herausforderungen, Chancen und Begrenzungen der UN-Friedenssicherung. Überzeugt davon, dass die Möglichkeiten der Vereinten Nationen von der Unterstützung durch die Mitgliedsländer abhängen, warb er für deren konstruktive Rolle in der Friedenssicherung.

Der frische Führungsstil des Manfred Eisele war für viele im DPKO eine Inspiration: im Großen den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen verpflichtet, im Detail erfolgreich bei der Entwicklung praktikabler, innovativer Lösungen, im Alltäglichen stets offen für die Anliegen der Kolleginnen und Kollegen. Aber auch darüber hinaus war er gefragt: als Ansprechpartner nationaler Delegationen in New York wie als sachkundiger, politisch denkender Spitzenrepräsentant der Vereinten Nationen bei Politik, Wissenschaft und Medien. Das Wirken Manfred Eiseles, professionell und menschenfreundlich, erfuhr breiteste Anerkennung. Er war ein überzeugender, glaubwürdiger Vertreter Deutschlands; seine Bescheidenheit, sein leiser Ton und seine Zugewandtheit verstärkten die Sympathie nur noch mehr.

Die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN) zeichnete Manfred Eisele 1998 in Würdigung seiner außergewöhnlichen Leistungen im Bereich der UN-Friedenssicherung mit der Dag-Hammarskjöld-Ehrenmedaille aus. Für fast zwei Jahrzehnte war er Mitglied des Präsidiums der DGVN (2006–2022).

Dr. Ekkehard Griep
Vorsitzender der DGVN