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Debattenbeitrag: Die Rolle der Generalversammlung in der Hormuskrise: Lehren aus Suez

Die Blockade der Straße von Hormus ist mehr als eine regionale Eskalation: Sie berührt grundlegende Normen des Seerechts und stellt die Freiheit der Schifffahrt infrage. Der Rückblick auf die Suezkrise von 1956 zeigt, wie die UN-Generalversammlung handeln kann, wenn der Sicherheitsrat blockiert ist.

Schwarz-Weiß-Foto von zwei sprechenden Männern
John Foster Dulles, damaliger US-Außenminister, und Sir Pierson Dixon, Permanenter Vertreter des Vereinigten Königreichs bei den UN, während der Dringlichkeitssondersitzung (UN Photo)

Der jüngste Schritt Irans und der USA, die Straße von Hormus als Reaktion auf US‑amerikanische und israelische Angriffe auf Iran zu blockieren, ist mehr als eine regionale Eskalation. Er betrifft eine der strategisch wichtigsten Handelsrouten der Weltwirtschaft. Vor Ausbruch der Feindseligkeiten passierten täglich rund 20 bis 25 Prozent der weltweiten Öl‑ und Gaslieferungen diese schmale Wasserstraße, ebenso wie Düngemittel, die für die globale Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar sind. Ihre Schließung verändert nicht nur die Energiemärkte, sondern setzt auch ein zentrales Prinzip der internationalen Ordnung unter Druck: die Freiheit der Schifffahrt.

Blockierter Sicher­heitsrat, vertraute Muster

Ein Blick 70 Jahre zurück auf die Suezkrise macht deutlich, dass diese Art von Konfrontation nicht neu ist und dass es Präzedenzfälle dafür gibt, wie sie von der internationalen Gemeinschaft bewältigt werden kann. Damals wie heute ging es im Kern um die Kontrolle strategischer Transitwege, nationale Souveränität und die Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf die direkte Beteiligung großer Mächte sowie auf die Blockade des Sicherheitsrats.

Die Suezkrise begann mit der Verstaatlichung des Suezkanals durch Ägypten. Frankreich und das Vereinigte Königreich sahen ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen bedroht und starteten gemeinsam mit Israel eine militärische Intervention. Der Sicherheitsrat war handlungsunfähig: Frankreich und das Vereinigte Königreich blockierten jede substanzielle Resolution mit ihren Vetos.

Was darauf folgte, war bemerkenswert. Die USA und die Sowjetunion – beide Gegner der Intervention – umgingen die Blockade im Sicherheitsrat, indem sie sich an die Generalversammlung wandten. Unter Berufung auf die ‚Vereint-für-den-Frieden‘-Resolution (‚Uniting for Peace‘) beriefen sie eine außerordentliche Dringlichkeitssondersitzung ein. Diese verfahrensrechtliche Innovation ermöglichte es der Generalversammlung, Empfehlungen für kollektives Handeln auszusprechen, wenn der Sicherheitsrat nicht handlungsfähig war.

Die Versammlung beschränkte sich nicht auf Resolutionen. Unter der Führung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, richteten die Vereinten Nationen ihre erste bewaffnete Friedensmission ein, die Noteinsatztruppe der Vereinten Nationen (United Nations Emergency Force – UNEF I), die auf der Sinai‑Halbinsel in Ägypten stationiert wurde. Ihr Mandat war eindeutig: die Überwachung des Waffenstillstands nach den Kämpfen im Jahr 1956, die Stabilisierung der Lage im Sinai und die Sicherstellung des Abzugs ausländischer Truppen aus ägyptischem Hoheitsgebiet. Zusammen mit dem Druck aus Washington und Moskau führte dieser Ansatz dazu, dass sich Israel, Frankreich und das Vereinigte Königreich zurückzogen. Der Kanal blieb unter ägyptischer Kontrolle. De facto gelang es der internationalen Gemeinschaft, einen eskalierenden Konflikt einzudämmen und sprichwörtlich zu „kanalisieren“.

Lehren aus Suez: Hand­lungs­spielräume jenseits des Vetos

Die heutige Situation unterscheidet sich in ihrer Komplexität, nicht jedoch in ihrer Logik. Iran nutzt die Straße von Hormus als Druckmittel in einem Konflikt, der durch US‑amerikanische und israelische Militärschläge gegen iranische Ziele erheblich verschärft wurde. Die Blockade – ebenso wie jeder Versuch, Transitgebühren zu erheben – verstößt gegen grundlegende Prinzipien des Seerechts, insbesondere gegen das Recht der Durchfahrt durch internationale Meerengen, wie es im Seerechts­übereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS) festgeschrieben ist.

Zugleich ist der Sicherheitsrat erneut blockiert. Russland und China haben kürzlich eine Resolution zum Schutz der Freiheit der Schifffahrt durch die Straße von Hormus mit ihrem Veto verhindert. Dies spiegelt das strukturelle Problem aus dem Jahr 1956 wider: Wenn zentrale Akteure selbst Konfliktparteien sind oder von geopolitischen Interessen geleitet werden, wird der Rat handlungsunfähig. Die logische Konsequenz ist dieselbe wie damals: Der politische Schwerpunkt muss sich auf die Generalversammlung verlagern – zumal eine von der NATO geführte Mission unter den gegenwärtigen Bedingungen keine realistische Option darstellt. Eine NATO‑Mission würde als parteiisch wahrgenommen und niemals ein Mandat des Sicherheitsrats erhalten. Zudem würde Russland – und gegebenenfalls auch China – ihr entschieden entgegentreten.

Historische Erfahrungen zeigen, dass die Generalversammlung mehr ist als ein Debattierforum. Sie kann politische Legitimität erzeugen, normative Standards bekräftigen und operative Maßnahmen anstoßen. Als der Sicherheitsrat blockiert war, sprangen die Versammlung und die Vereinten Nationen ein, etablierten Untersuchungsmechanismen und unterstützten Friedenseinsätze. Auch wenn ihre Resolutionen nicht rechtsverbindlich sind wie jene des Sicherheitsrats, besitzen sie erhebliches politisches Gewicht.

UN‑Mandat statt Macht­projektion: Chancen und Grenzen einer Hormus‑Mission

Wenn eine breite Mehrheit von Staaten die Freiheit der Schifffahrt durch die Straße von Hormus fordert, wäre der Druck auf alle beteiligten Parteien beträchtlich. Nahezu jedes Land hat ein unmittelbares Interesse an offenen Handelswegen, was eine breite Koalition realistisch macht. Eine heutige ‚Vereint-für-den-Frieden‘-Initiative könnte mehrere Elemente umfassen: eine klare rechtliche Position, die die Blockade als Verstoß gegen das Völkerrecht einstuft; Empfehlungen für konkrete Maßnahmen, etwa die Einrichtung einer internationalen maritimen Beobachtungsmission; sowie die Aufforderung an den UN-Generalsekretär, Vermittlungsbemühungen voranzutreiben und eine solche Mission vorzubereiten. Eine dritte Partei, etwa die Vereinten Nationen vertreten durch ihren Generalsekretär, könnte dabei helfen, nach einer möglichen Verhandlungspattsituation, einem für beide Seiten schmerzhaften Stillstand und einem reifen Zeitpunkt das notwendige Vertrauen zwischen den Parteien aufzubauen. Dies würde jedoch aktives Werben und persönliches diplomatisches Engagement von António Guterres erfordern.

Eine von den Vereinten Nationen mandatierte Präsenz könnte ähnliche Funktionen erfüllen wie die UNEF I: die Überwachung des Schiffsverkehrs, die Dokumentation von Zwischenfällen, den Aufbau von Vertrauen zwischen den Parteien und die Verringerung von Eskalationsrisiken durch eine internationale Präsenz. Ihr zentraler Vorteil läge in ihrem multilateralen Charakter – in ihrer Neutralität und in ihrer Verankerung in einem kollektiven Mandat. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass einseitige militärische oder politische Maßnahmen durch Israel, die USA oder Iran keine Stabilität in die Region gebracht haben, ebenso angekündigte Waffenruhen. Sie lösen keine strukturellen Konflikte. Eine Mission der Vereinten Nationen wäre demgegenüber kein Instrument eines einzelnen Staates, sondern Ausdruck geteilter internationaler Interessen. In gewisser Weise ist es eine Ironie der Geschichte, dass Frankreich und das Vereinigte Königreich, die im Jahr 1956 gemeinsam mit Israel den Suezkanal blockierten, heute bemüht sind, eine internationale Mission für Hormus auf den Weg zu bringen.

Keine Lösung, aber ein Anfang: Eindäm­mung statt Durchbruch

Dennoch sind die Unterschiede zum Jahr 1956 erheblich. Die Suezkrise war ein vergleichsweise begrenzter Konflikt mit klar definierten Akteuren und einem spezifischen Streitgegenstand. Die heutige Lage ist in eine komplexe regionale Dynamik mit globalen Auswirkungen eingebettet. Irans Nuklearprogramm, seine Raketenfähigkeiten und die Rolle von Stellvertretergruppen wie Hamas, Hisbollah und den Huthis stellen eigenständige Konfliktlinien dar, die keine Hormus‑Mission lösen könnte. Auch innenpolitische Faktoren spielen eine Rolle: Der repressive Charakter des iranischen Regimes und seine außenpolitische Strategie sind nur begrenzt von außen beeinflussbar.

Die Lehre aus dem Jahr 1956 ist daher nicht, dass die Vereinten Nationen solche Konflikte vollständig lösen können. Sie ist vielmehr, dass sie Eskalationen eindämmen und Raum für politische Lösungen öffnen können. Eine von den Vereinten Nationen mandatierte Mission in der Straße von Hormus wäre daher kein Endpunkt, sondern ein erster Schritt – einer, der militärische Dynamiken verlangsamen, Kommunikationskanäle offenhalten und Verhandlungen ermöglichen könnte.

Diplomatische Initiativen bleiben unverzichtbar. Vermittlungsbemühungen einzelner Staaten – etwa Pakistans oder anderer regionaler Akteure – könnten kurzfristig helfen, Gräben zu überbrücken. Doch nachhaltige Stabilität wird einen breiteren, multilateralen Rahmen erfordern, der alle relevanten Akteure der Region einbezieht.

In einer Zeit, in der der Sicherheitsrat häufig gelähmt ist, müssen die Mitgliedstaaten die Generalversammlung entschlossener nutzen. Doch dafür braucht es auch Führung. Ein Generalsekretär der Vereinten Nationen, der bereit ist, politische Risiken einzugehen und die institutionellen Spielräume voll auszuschöpfen, statt, wie António Guterres von Kritikern vorgeworfen wird, zur Vorsicht zu neigen, könnte eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung eines Mandats der Generalversammlung spielen. Hammarskjöld handelte während der Suezkrise genau so und trug damit zur Schaffung der UNEF als erster bewaffneter Friedensoperation der Vereinten Nationen bei. Ein ähnlich innovativer Ansatz ist heute erforderlich.

Die Blockade der Straße von Hormus ist ein Test für die Handlungsfähigkeit der internationalen Gemeinschaft und für ihr Bekenntnis zu einer regelbasierten Ordnung. Die Parallelen zu Suez sind kein Zufall; sie spiegeln wiederkehrende Muster wider, die mit strategischen Engpässen, Interessen der Großmächte und institutionellen Blockaden innerhalb des Systems der Vereinten Nationen zusammenhängen.

Die Antwort im Jahr 1956 war nicht perfekt, aber sie war wirksam. Sie zeigte, dass die Generalversammlung handeln kann, wenn der Sicherheitsrat es nicht kann. Diese Option besteht auch heute noch – insbesondere dann, wenn kleinere und mittlere Staaten sich entscheiden, gemeinsam vorzugehen. Ob sie dies tun, ist keine rechtliche Frage. Es ist eine politische.

Dr. Patrick Rosenow, Leitender Redak­teur der Zeit­schrift Ver­einte Nationen

Der Artikel erschien in leicht geänderter Form bereits in englischer Sprache unter dem Titel „The General Assembly’s Role in the Hormuz Crisis: Lessons from Suez“ am 20.04.2026 auf dem Blog ‚The Global Observatory‘ des International Peace Instituts (IPI) in New York.


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