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„Es reicht nicht aus, ein paar Bäume zu pflanzen“

Höhere Temperaturen, stärkere Niederschläge, längere Dürrezeiten: Anlässlich des „Welttags für die Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre“ erklärt die Meteorologin und IPCC-Koordinatorin Roxana Bojariu, warum sich wüstenähnliche Gebiete weltweit immer weiter ausbreiten – und was dagegen getan wird.

Luftansicht eines ausgetrockneten Bodens, in dem sich Risse zeigen
Ein verwüstetes Trockengebiet bei Manatuto, Timor-Leste. (UN Photo/Martine Perret)

DGVN: Dr. Bojariu, die Vereinten Nationen haben den 17. Juni im Jahr 1994 zum „Welttag für die Bekämpfung der Wüstenbildung und Dürre“ erklärt. Warum ist dieser Tag wichtig?

Welttage haben einen symbolischen Charakter, aber sie sind enorm bedeutsam, um komplexe Probleme der Wissenschaft an die breite Öffentlichkeit zu vermitteln. Jedes Jahr erinnert uns der Tag daran, dass sich die Wüsten weiter ausbreiten, dass Dürretage zunehmen und dass wir alle Teil dieser einen Erde sind, auf der wir auch in ein paar Generationen noch leben können müssen. Wir sollten uns also dringend besser um sie kümmern. Circa 120 000 Quadratkilometer Land werden pro Jahr weltweit zu neuer Wüste, die nicht mehr für die Landwirtschaft genutzt werden kann. Das entspricht in etwa der Fläche von Nordkorea.  

Was sind die Gründe dafür, dass sich Wüsten ausbreiten?

Grundsätzlich gilt ein Landstrich als desertifziert, wenn der Boden zerstört ist und er seine normalen Funktionen nicht mehr ausführen kann. Auf einem solchen Boden wächst nichts, er speichert kaum Kohlenstoff und er kann sich auch nicht mehr von selbst regenerieren, um wieder fruchtbar zu werden. Er versteppt und wird zur Wüste. Die Wüstenbildung ist ein sehr komplexes Phänomen, das von verschiedenen Einflussfaktoren abhängt.

Vor allem ist es menschengemacht: Wenn landwirtschaftliche Flächen beispielsweise durch Monokulturen und übermäßigen Pestizideinsatz ausgelaugt werden, Weideflächen überweidet, Wälder abgeholzt und die natürlichen Wasserressourcen ausgebeutet werden, dann können Landschaften auch ganz ohne Erderwärmung ‚verwüsten‘. In den meisten Fällen kommt beides zusammen: Die Temperaturen steigen, die Niederschlagsmenge verändert sich, Dürretage nehmen zu, die Gefahr für Waldbrände erhöht sich und schattenspendende Bäume werden abgeholzt. Gleichzeitig wird der Boden auf wenig nachhaltige Weise bewirtschaftet.

Welche Regionen sind besonders betroffen?

Global betrachtet sind die ariden und semiariden Regionen der Wendekreise stark betroffen. Aber auch in Europa und Nordamerika breiten sich wüstenähnliche Gebiete immer weiter aus – insbesondere dort, wo eine intensive landwirtschaftliche Nutzung mit trockeneren klimatischen Bedingungen zusammenkommt. In Südwesteuropa, Griechenland und Zypern sind bereits jetzt Landstriche verwüstet, genauso wie in Bulgarien und Rumänien. Rumänien ist ein gutes Beispiel für den großen menschlichen Einflussfaktor bei der Desertifikation. 

Inwiefern?

Rumänien hat ein gemäßigtes kontinentales Klima, mit vielen lokalen Einflüssen durch die Karpaten und das Schwarze Meer im Osten des Landes. In weiten Teilen hat das Land hervorragende, fruchtbare Böden. Aber trotzdem gehört es zu den europäischen Ländern mit den am schnellsten wachsenden Wüstengebieten. 1000 Hektar Land gehen bereits pro Jahr durch dieses Phänomen verloren. Unsere Prognosen besagen, dass im schlimmsten Fall rund 30 Prozent des gesamten Landes und 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen zu Wüste werden, wenn nicht aktiver dagegen vorgegangen wird. Auch in Rumänien hat die Durchschnittstemperatur als Folge des Klimawandels zugenommen, um 1,1 Grad seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch allein davon dürften sich die Wüstengebiete nicht so stark ausbreiten.

Eine Frau mit langen grauen Haaren steht vor einigen Bildschirmen, die Wetterkarten zeigen
Dr. Roxana Bojariu im meteorologischen Rechenzentrum der National Meteorological Administration in Bukarest. (Gundula Haage)

Das Problem ist menschengemacht: Jahrzehntelange Misswirtschaft hatte einen bedeutend größeren Einfluss als der Temperaturanstieg. Während der kommunistischen Planwirtschaft unter Nicolae Ceaușescu wurden 26 Prozent der Gewässer Rumäniens trockengelegt und in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt. Aber der Boden war dafür nicht geeignet und es wurde immer trockener. Nach der rumänischen Revolution im Jahr 1989 wurde weiter abgeholzt. Die steigenden Temperaturen und immer häufiger auftretende Dürreperioden taten ihr Übriges, sodass Südoltenien heute die „Rumänische Sahara“ genannt wird.

Wie kann die voranschreitende Wüstenbildung gestoppt werden?

Es reicht nicht aus, ein paar neue Bäume zu pflanzen oder in ariden Gebieten stärker zu bewässern. Die gesamte Bewirtschaftung muss nachhaltig werden. In Rumänien gibt es derzeit Bestrebungen, Baumgürtel aus Akazien zu pflanzen, sogenannte ‚grüne Barrieren‘, die dafür sorgen, dass Regenwasser länger im Boden gehalten werden kann und der Wind nicht noch das letzte bisschen Boden davonträgt. Feuchtgebiete entlang der Donau, die zur agrarischen Nutzung vor Jahrzehnten trockengelegt wurden, werden nun renaturiert. Feuchtgebiete wirken wie Pufferzonen und reduzieren die Auswirkungen von Dürren und Überschwemmungen in den angrenzenden Gebieten. Methoden der Agroforstwirtschaft haben sich ebenfalls als sehr erfolgsversprechend erwiesen. Dabei werden Bäume oder Büsche gepflanzt, die kleineren Nutzpflanzen Schatten bieten. Ein solcher gemischter Anbau ist ökologisch deutlich vorteilhafter als eine Monokultur. Gleichzeitig muss sich die lokale Bevölkerung in manchen Gebieten an die neuen Bedingungen anpassen, indem sie etwa sandtolerantere Pflanzen wie Erdnüsse, Oliven oder Kiwis anbauen. Bei alledem ist Aufklärungsarbeit und Bildung sehr schwierig. Oft sitzen gewisse Glaubenssätze tief. Dabei ist aus wissenschaftlicher Sicht klar, dass der Druck nach immer höheren Erträgen mit immer mehr Pestizideinsatz nur eine begrenzte Zeit lang Erfolge bringt. Man muss die Menschen überzeugen, sie darüber aufklären, dass auch sie von einer nachhaltigeren Bewirtschaftung profitieren werden. Nicht sofort, nicht morgen, aber auf lange Sicht.

In den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) wird unter Ziel 15 explizit die Wüstenbildung angesprochen. In einem Unterziel heißt es dabei: „Bis 2030 die Wüstenbildung bekämpfen, die geschädigten Flächen und Böden einschließlich der von Wüstenbildung, Dürre und Überschwemmungen betroffenen Flächen sanieren und eine bodendegradationsneutrale Welt anstreben“. Wie steht es im Jahr 2023 um dieses Ziel?

Leider sieht es bisher nicht gut aus. Auf globaler Ebene war das UN-Übereinkommen zur Bekämpfung der Wüstenbildung in den von Dürre und/oder Wüstenbildung schwer betroffenen Ländern, insbesondere in Afrika (United Nations Convention to Combat Desertification in Those Countries Experiencing Serious Drought and/or Desertification, Particularly in Africa - UNCCD) zwar ein Meilenstein. Als sie im Jahr 1996 ratifiziert wurde, wurde die dramatische Lage von sich immer schneller ausbreitenden Wüstengebieten endlich aus einer globalen Perspektive betrachtet. Alle Länder, die die Konvention unterschrieben haben, haben Nationale Aktionspläne verfasst, um sich dem jeweiligen Ziel anzunähern. Doch obwohl die UNCCD seit 27 Jahren in Kraft ist, schreitet die Desertifikation immer weiter voran und führt in Rumänien wie auch in anderen Ländern zu immer größerer Trockenheit und Bodendegradation. Aber ich bin trotzdem optimistisch: Dass es uns als Weltgemeinschaft gelingt, uns auf Konventionen wie die UNCCD zu einigen, als große Errungenschaft. Seit dem Jahr 2007 wirke ich als eine der Hauptautorinnen bei den Berichten des Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change – IPCC) mit und ich bin die IPCC-Koordinatorin für Rumänien. In diesen Funktionen bin ich jedes Mal aufs Neue begeistert davon, dass es gelingt, hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Ecken der Welt zusammenzubringen, alle mit ihren Eigenheiten, Eitelkeiten und kulturellen Vorlieben, und dennoch kommt am Ende ein kohärenter Bericht zustande, auf dessen Erkenntnisse weltweit geschaut wird.

Warum stimmt Sie der IPCC-Bericht optimistisch?

Wir leben in Zeiten der globalen Klimakrise. Sie kann nicht im Alleingang bewältigt werden, sondern nur gemeinsam. Im Rahmen des IPCC bringen wir den neuesten Stand des weltweiten Klimawissens zusammen, um ihn den politischen Entscheidungstragenden zur Verfügung zu stellen. Dieser Prozess zeigt doch, dass wir uns als menschliche Gemeinschaft weiterentwickeln und Fehler der Vergangenheit beheben können. Ich bin zuversichtlich, dass wir als Menschheit in der Lage sind, voneinander zu lernen und auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse die Wüstenbildung einzugrenzen.

Dr. Roxana Bojariu leitet die Forschungsabteilung für Klimavariabilität und -wandel der Nationalen Meteorologischen Verwaltung in Bukarest. Sie ist Expertin für Klimawandelanpassung der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und IPCC-Koordinatorin für Rumänien.

Das Interview führte Gundula Haage


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