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Gewinneressay zur Studienreise: Hoffnungsfunken in dunklen Zeiten – Die Rolle Papua-Neuguineas national, regional und vor allem global

Papua-Neuguinea – ein Land voller Vielfalt, Chancen und Herausforderungen. Als eine der Gewinnerinnen des Essay-Wettbewerbs zeigt Fernanda Gesellensetter, wie gemeinsames Handeln Hoffnung schafft.

UN-Generalsekretär António Guterres und James Marape, Premierminister des Unabhängigen Staates Papua-Neuguinea, beim Austausch mit Menschen aus der Gemeinde Nuku in der Provinz West-Sepik in Papua-Neuguinea. (UN Photo/Seru Kepa)

When day comes, we ask ourselves,
where can we find light in this never-ending shade?
The loss we carry, a sea we must wade.
We braved the belly of the beast.
We've learned that quiet isn't always peace,
and the norms and notions of what just is isn't always justice.
And yet, the dawn is ours before we knew it.
Somehow we do it.
[…]
(Gorman, 2021).

Mit diesen eindringlichen Worten hat Amanda Gorman bei der Inauguration von Joe Biden einen Nerv getroffen. Sie spricht von Verlust, Hoffnung und kollektiver Kraft. Themen, die uns alle betreffen. Ihre Worte erinnern daran, dass Hoffnung und Handlungskraft selbst in den dunkelsten Zeiten entstehen können. Besonders in einer Welt, in der sich multiple Krisen überlagern, brauchen wir nicht nur solche Worte, sondern insbesondere auch Taten. Denn während so viele Krisen gleichzeitig auf uns einwirken, sind es vor allem die Länder des Globalen Südens, die am stärksten unter der Klimakrise leiden und das, obwohl sie am wenigsten dazu beitragen. In dieser Ungerechtigkeit liegt die Dringlichkeit für solidarisches Handeln. Doch trotz all der Dunkelheit, die die Welt derzeit überschattet und die unaufhörlich zuzunehmen scheint, spricht aus Gormans Worten auch die Überzeugung, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen sich zusammenschließen, Verantwortung übernehmen und für eine gerechtere Zukunft kämpfen. Besonders die globale Klimakrise zeigt, wie notwendig und gleichzeitig schwierig kollektive Anstrengungen sind. Während die Hauptverursacher der Krise vor allem im Globalen Norden sitzen, wird die tiefgreifende Ungleichheit im Globalen Süden besonders drastisch sichtbar. Die Rolle Papua-Neuguineas – national, regional und vor allem auch global– verdeutlicht exemplarisch diese Herausforderungen. Und auch die Chancen, die im gemeinsamen Handeln liegen. Papua-Neuguinea steht für mich wie kaum ein anderes Land für diese komplexe globale Realität. Es verkörpert die Ungleichverhältnisse, die die Klimakrise sichtbar macht: zwischen Verursachern und Betroffenen, zwischen globalem Einfluss und lokaler Realität. Papua-Neuguinea balanciert zwischen Tradition und Moderne, zwischen globalen Interessen und eigenen Dynamiken. Ein Land voller Ressourcen, kultureller Vielfalt und einzigartiger Natur. Mit über 800 Sprachen, unzähligen ethnischen Gruppen und einer der größten Biodiversitäten der Welt steckt in Papua-Neuguinea ein enormes Potenzial, als kultureller Schatz, als ökologischer Rückzugsort und als junger Staat mit einer dynamischen Bevölkerung. Gerade in einer Zeit, in der viele Länder sich immer mehr abschotten, Protektionismus und Isolationismus betreiben, wirkt so ein pluralistisches Land fast wie ein Versprechen. Auch wirtschaftlich bietet das Land große Chancen: durch Rohstoffe wie Gold, Kupfer und Erdgas, aber auch durch das Wissen, das in traditionellen Lebensweisen bewahrt wird. Der Export von Rohstoffen ist zentral für die Wirtschaft (Kreysler, 2012), und die Regierung bemüht sich zunehmend, internationale Unternehmen stärker in die Verantwortung zu nehmen und nachhaltigere Nutzungsformen zu fördern. Gleichzeitig bleibt die Subsistenzlandwirtschaft im informellen Sektor für das Überleben vieler Menschen essenziell. Papua-Neuguinea ist ein Ort voller Möglichkeiten,
vorausgesetzt, die richtigen Rahmenbedingungen werden geschaffen.

Doch diesen Potenzialen stehen massive strukturelle Herausforderungen gegenüber. Die Infrastruktur ist vielerorts marode, Gesundheits- und Bildungssysteme sind unterentwickelt, die Armutsquote hoch. Die Weltbank spricht von einer „Human Capital Crisis“ (Reuters, 2024). Fast die Hälfte aller Kinder leidet unter Wachstumsstörungen, viele können weder lesen noch schreiben (Humanium, 2021). Besonders in ländlichen Regionen fehlt es an Grundversorgung, Lehrmaterialien und Nahrung. Politisch steht Papua-Neuguinea unter Druck: Korruption und klientelistische Netzwerke sind weit verbreitet (Auswärtiges Amt, 2025) und schwächen das Vertrauen in staatliche Institutionen. Auch wenn es erste Ansätze partizipativer Entwicklung und Dezentralisierung gibt, verlaufen diese oft schleppend. Neue Bedrohungen wie der Tiefseebergbau (Seib, 2015) bringen zusätzliche ökologische Risiken – mit potenziell irreversiblen Folgen, bei denen man nur hoffen kann, dass uns Frank Schätzings dystopische Szenarien erspart bleiben.

Betrachtet man die lokale Ebene zeigt sich, wie Menschen mit diesen Herausforderungen umgehen: Subsistenzlandwirtschaft und informelle Ökonomien sichern das tägliche Überleben. Gleichzeitig entsteht ein neues Bewusstsein für ökologische Nachhaltigkeit und gemeinschaftliches Handeln. In vielen Gemeinden wächst der Wunsch nach Mitsprache, nach Bildung und Entwicklung, auf eigenen, kulturell verankerten Wegen. Auf nationaler Ebene hingegen befindet sich Papua-Neuguinea im Spannungsfeld zwischen tief verankerten strukturellen Problemen und wachsendem Reformdruck. Der Weg zu nachhaltiger Entwicklung ist zweifellos lang aber das Potenzial ist da: in den reichen natürlichen Ressourcen, der jungen Bevölkerung und der kulturellen Vielfalt. Es liegt an uns, dieses Potenzial nicht nur zu erkennen, sondern auch zu unterstützen. Mit Respekt, auf Augenhöhe und mit echtem Engagement. Auch auf regionaler Ebene spielt Papua-Neuguinea eine zunehmend wichtige Rolle. Als bevölkerungsreichstes Land Ozeaniens gestaltet es die Agenda des Pacific Islands Forum (PIF) entscheidend mit. Besonders in Fragen der Klimagerechtigkeit, der nachhaltigen Entwicklung und der regionalen Sicherheitsarchitektur tritt Papua-Neuguinea als kraftvolle Stimme auf und seine Rolle wird immer klarer: als Vermittler, als Advokat für die Bedürfnisse kleinerer Inselstaaten, als treibende Kraft für regionale Kooperation und gemeinsame Positionierungen gegenüber globalen Mächten.

Gleichzeitig bewegt sich das Land in einem geopolitischen Spannungsfeld: In der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit Australien sowie im Umgang mit der wachsenden chinesischen Präsenz im Pazifik verfolgt Papua-Neuguinea einen Balancekurs. Es bemüht sich, eigene Interessen zu wahren, ohne sich einseitig zu binden. Globale Bedeutung erlangt Papua-Neuguinea insbesondere im Umweltbereich. Sein Regenwald gehört zu den größten der Erde und beherbergt eine der höchsten Biodiversitäten weltweit (NCBI, 2022). Doch illegaler Holzeinschlag bedroht diese einzigartigen Ökosysteme zunehmend.

Papua-Neuguinea beteiligt sich aktiv an globalen Initiativen wie UN-REDD, die Emissionen durch Entwaldung reduzieren und gleichzeitig Entwicklungsanreize schaffen wollen (UN, Papua New Guinea, 2024). Das Land engagiert sich zunehmend für die Rechte indigener Bevölkerungsgruppen, was im internationalen Diskurs als sehr positiv wahrgenommen wird. Papua-Neuguinea zeigt, dass die globale Klimakrise nicht nur technologische Innovationen und Emissionsreduktionen verlangt, sondern auch Gerechtigkeit, Solidarität und das Ernstnehmen der Stimmen, die bislang am wenigsten gehört wurden. Während sich viele Länder des Globalen Nordens zunehmend in virtuelle Welten zurückziehen und darauf hoffen, dass Innovationen sie in letzter Sekunde retten, kämpfen Staaten des Globalen Südens wie Papua-Neuguinea und Tuvalu darum, ihre reale Lebensgrundlage zu bewahren. Denn sie sind Länder, die bereits heute massiv betroffen sind: Der Meeresspiegel steigt, extreme Wetterereignisse häufen sich, ganze Gemeinden müssen umgesiedelt werden (The Guardian, 2024). In Tuvalu wird das kulturelle Erbe inzwischen digital konserviert, nicht aus Flucht, sondern aus der bitteren Notwendigkeit heraus, weil der steigende Meeresspiegel die Existenz des Landes bedroht.

Der Kontrast ist deutlich: Während einige sich in digitale Ersatzwelten retten, geht es andernorts ums nackte Überleben. Statt echten Wandel einzuleiten, konsumieren viele im Globalen Norden Bilder einer Welt, die sie selbst zerstören – und verharren dabei in Passivität, als wäre das alles nur ein nostalgischer Rückblick: „Hach, was war das nicht schön – diese Welt, diese Natur.“ Die Chance, das Ruder herumzureißen, wäre da, doch wir scheinen zu geblendet von Technikbegeisterung, Robotik und selbstfahrenden Autos, um den Schlund des Monsters „Klimakrise“, in den wir sehenden Auges stürzen, wirklich zu erkennen.

Papua-Neuguinea mahnt uns: Wirkliche Veränderung erfordert echte Begegnung, echtes Engagement und den Mut, der Realität ins Auge zu sehen. Das Land steht exemplarisch für die großen Fragen unserer Zeit: die sozialen Folgen der Klimakrise, die Herausforderungen inklusiver Staatsbildung und die Chancen, aber auch die Ambivalenzen internationaler Zusammenarbeit.


Papua-Neuguinea steht an einem Scheideweg. Es steht für Vielstimmigkeit, für Widerstandskraft, für Hoffnung. Seine Rolle – national, regional und insbesondere global –zeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn Solidarität, Verantwortung und Mut zusammenkommen.
Amanda Gormans Worte passen genau in diesen Kontext: Veränderung geschieht nicht von allein. Sie braucht gemeinsames Handeln. Es ist an der Zeit, Entwicklungszusammenarbeit nicht länger als Almosen, sondern als globale Notwendigkeit zu verstehen. In einer Welt, deren Krisen uns alle betreffen, liegt Hoffnung nicht im Wegschauen, sondern im gemeinsamen Handeln.
„Somehow we do it.“
Ich möchte es versuchen. Gemeinsam.

 

Fernanda Gesellensetter