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Gewinneressay zur Studienreise: Die Rolle Papua-Neuguineas in dieser Zeit – national, regional oder global? Kleiner Staat, große Bühne? Papua-Neuguineas Suche nach Einfluss und Identität

Von der Unabhängigkeitsbewegung bis zur globalen Klimapolitik: Karl Robert Ahrend beleuchtet in einem der Gewinneressays Papua-Neuguineas Rolle auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene.

Die Flagge Papua-Neuguineas (Mitte) am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York. (UN Photo/Loey Felipe)

Aufgrund seiner Lage im Südpazifik gehört Papua-Neuguinea zu den vielfältigsten Regionen der Welt. Mehr als 850 ethnische Gruppen mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Traditionen leben hier inmitten unberührter Natur, reicher RohstoLvorkommen und wirtschaftlicher Entwicklung. Diese ethnische Vielfalt führt jedoch immer wieder zu Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Stämmen und Clans.Der Inselstaat, welcher eine Fläche von 462.840 km² hat und damit der drittgrößte Inselstaat der Welt ist, erstreckt sich über den Ostteil der Insel Neuguinea, die Inseln New Britain und New Ireland sowie die autonome Region Bougainville und über weitere 600 kleine Inseln und Atolle. Papua-Neuguinea gehört zu einer Gruppe von Inselstaaten, welche zu den jüngsten Staatengruppen der UN zählen (1). Mit weiteren elf pazifischen Inselstaaten, u. a. Mikronesien, Nauru, Salomonen, wird das  Land zu den Pacific Small Island Developing States gezählt. Dabei kommt PapuaNeuguinea aufgrund seiner beträchtlichen Einwohnerzahl von etwa 9,5 Mio. eine erhebliche Rolle zu. Diese Rolle gilt es auf nationaler, regionaler und globaler Ebene näher zu betrachten.

Nationale Ebene: Unabhängigkeitsbewegung und bewaffnete Konflikte 

Unter dem Einfluss der Kolonialmächte Australiens und des Deutschen Kaiserreichs war der Weg in eine Unabhängigkeit Papua-Neuguineas kein einfacher. 1899 übernahm das Deutsche Kaiserreich die Verwaltung über den Nordosten Neuguineas und das Bismarck-Archipel. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die deutsche Kolonie 1914 von australischen Streitkräften übernommen. Unter australischer Mandatsverwaltung waren die Einwohner Neuguineas während des Zweiten Weltkriegs militärisch neutral. 1941 übernahmen japanische Streitkräfte den Nordteil der Insel. Infolgedessen kam es zu einer exzessiven Rohstoffausbeutung durch die Kolonialmächte sowie zu massiven Verschiebungen der Besitz- und Eigentumsverhältnisse. Das Streben nach  Unabhängigkeit wurde immer größer, was sich 1972 im Unabhängigkeitsvotum PapuaNeuguineas zeigte. 1975 wurde der Inselstaat unabhängig und trat den Vereinten Nationen bei (2).

Ab 1988 kam es in der Region Bougainville zu stärker werdenden Kämpfen zwischen  Separatisten und den nationalen Sicherheitsbehörden. Diese hielten bis 1998 an und forderten 10.000–15.000 Todesopfer. Als Streitursache kann ein Rohstoffkonflikt in der Panguna-Mine angesehen werden, dessen Betreiber ein australisches Unternehmen war, welches vorrangig Personal aus Australien und anderen Teilen Papua-Neuguineas beschäftigte. Hieraus entstanden ethnische Spannungen und Gewinne flossen zu großen Teilen nach Australien und Port Moresby. 1989 schloss die Mine wegen einiger Sabotageanschläge, wobei nationale Sicherheitsbehörden brutal gegen Zivilisten vorgingen. Es kam zu eklatanten Menschenrechtsverletzungen, welche zu internationalen Protesten vor der Menschenrechtskommission der UN führten. Unter der Führungsrolle Neuseelands wurde 2001 ein Friedensabkommen geschlossen, welches ein Unabhängigkeitsreferendum bis 2020 vorsah und Bougainville zu einer autonomen Region erklärte. Das Referendum wurde vom 23.11. bis 07.12.2019 durchgeführt, wobei sich 86 % der Teilnehmenden für eine Unabhängigkeit Bougainvilles aussprachen (3). Eine Ratifizierung durch die Regierung in Port Moresby muss nun vorangetrieben und eine Abspaltung ermöglicht werden. Das Referendum wurde mit Mitteln des United Nations Development Programme (UNDP) erheblich unterstützt. Hierbei war auch die Bundesregierung mit knapp 500.000 € beteiligt. UNDP setzt sich mit finanzieller Unterstützung seit 2020 für ein geordnetes Post-Referendumsverfahren zur langfristigen Stabilisierung ein (4). Die Umsetzung birgt jedoch auch ein erhebliches Konfliktpotenzial, so besteht etwa bei ausstehender Ratifizierung die Gefahr weiterer bewaffneter Auseinandersetzungen. 

Stammeskämpfe sind Alltag 

Die Entwicklung in Bougainville ist nur ein Beispiel für die innenpolitische Lage PapuaNeuguineas. Immer wieder kommt es in verschiedenen Landesteilen zu gewaltsamen Konflikten zwischen Einheimischen und ausländischen Unternehmen, insbesondere aufgrund der rohstoffreichen Böden. In Folge der kolonialen Vergangenheit bestehen zudem auch Spannungen zwischen einzelnen Stämmen. Werte werden in den Dorfgemeinschaften begründet, und so kann bereits ein Zugangskonflikt zu Flüssen oder Jagdgebieten erhebliche Gewalt bei den Stämmen mit sich führen (5). Dabei kommt es zu brutalen Folterungen, Verbennungen oder Verstümmelungen. Trotz Bemühungen seitens der Regierung und australischer Vermittlungen konnte 2024 kein konkretes  Ergebnis hinsichtlich eines Friedensabkommens oder eines Waffenstillstandes erzielt werden (6).

Regionale Ebene: Zusammenarbeit im Pacific Islands Forum und der Einfluss Chinas und der USA

Die Lage Papua-Neuguineas in geostrategischer Hinsicht sowie der Rohstoffreichtum sind für Großmächte wie die USA oder China von erheblicher Bedeutung. Der Inselstaat gehört zu Melanesien und dient als Tor zu Asien (7). Für China ist Papua-Neuguinea ein attraktives Land zum Ausbau des Neuen Seidenstraße-Projektes (int. Belt and Road Initiative). Dabei wird versucht, Infrastrukturprojekte voranzubringen und durch chinesische Finanzierung umzusetzen. Dies stellt oftmals eine Schuldenfalle dar, in welche ärmere Länder in der Vergangenheit bereits geraten sind. Auch an regionalen Friedensmechanismen ist die chinesische Regierung interessiert, wie auf den Solomon Islands sichtbar wird. 2021 wurde hier ein Sicherheitsabkommen zwischen der solomonischen und der chinesischen Regierung geschlossen. Der Inhalt gilt weiterhin als geheim (8). Besonders die angrenzenden Staaten Australien und Neuseeland, welche ebenfalls die Interessen der USA und Europas vertreten, protestierten hierbei deutlich. Die Angst vor weiteren Sicherheitsabkommen im südpazifischen Raum ist groß, sodass auch Australien um eine Stabilisierung der Sicherheitslage in Papua-Neuguinea bemüht ist. Knapp 365 Mio. € an Entwicklungshilfe flossen allein 2022 von Australien an PapuaNeuguinea. Weitere finanzielle Mittel wurden durch ein Sicherheitsabkommen zur Stärkung der Polizei-, Justiz- und Verteidigungspolitik bereitgestellt. Der Faktor Sicherheit spielt bei bilateralen Abkommen eine große Rolle. Aufgrund seiner Größe und Bevölkerungszahl kann Papua-Neuguinea selbstbewusster auftreten und klar Kritik gegen chinesische Infrastrukturprojekte oder australische Investitionen äußern. Dabei ist auch die Rolle des Landes im Pacific Islands Forum von Relevanz. 18 Inselstaaten, darunter Australien, Neuseeland, Palau, Tonga, Samoa und Papua-Neuguinea vertreten hierin ihre Interessen – trotz der unterschiedlichen wirtschaftlichen Lagen. Lediglich Australien und Neuseeland gehören zu den hoch entwickelten Staaten. PapuaNeuguinea zählt zu den am wenigsten entwickelten Volkswirtschaften, trotz der zweithöchsten Bevölkerungszahl der Mitgliedsstaaten. Dennoch wächst die Wirtschaft stetig, im Jahr 2024 um 4,8 %. Die Weltbank schätzt das Wirtschaftswachstum als positiv ein, was vor allem an einer starken Performance in der Landwirtschaft liegt (9). Angesichts dieser Ausgangslage hat Papua-Neuguinea eine bedeutende Rolle im Pacific Islands Forum, insbesondere in der wirtschaftlichen sowie politischen Integration. Armutsbekämpfung, Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung sind nur einige wichtige Punkte, welche im Fokus des Forums stehen und durch eine aktive Mitarbeit Papua-Neuguineas dem Land zugutekommen (10). Dennoch beherrschen Korruption und Kriminalität das Bild Papua-Neuguineas, sodass sich insbesondere durch die pazifischen Anrainerstaaten ein Vertrauensverlust in die politische Stabilität in der Vergangenheit entwickelt hat. Bis heute werden Minderheiten diskriminiert und sind erheblichen Gefahren ausgesetzt (11).

Globale Ebene: Gefahren des Klimawandels im Konflikt mit Umweltzerstörungen 

Die mit der Erderwärmung einhergehenden steigenden Meeresspiegel bedeuten insbesondere für den ozeanischen Raum erhebliche Gebietsverluste sowie Überflutungen und weitere Naturkatastrophen. Von großer Bedeutung und erheblichem Stimmgewicht im Kampf gegen den Klimawandel ist die Alliance of Small Island States, zu der Papua-Neuguinea und 38 weitere Mitgliedsstaaten gehören. Diese Staaten gehören zu den enthusiastischsten Vorantreibern einer wirksamen Klimaschutzpolitik. Besonders der Schutz von Rohstoffen und Tropenhölzern verleiht Papua-Neuguinea eine Vorreiterrolle in den internationalen Bemühungen. Premier James Marape kündigte bei der COP26 die Klimaneutralität bis 2050 für sein Land an. Erste Schritte hierhin seien der Exportstopp von Rundhölzern ab 2025 und die Umstellung auf erneuerbare Energien bis 2030 (12). Bei den UN wird Papua-Neuguinea zu den Pacific Small Island States gezählt. Stimmen aus diesen Ländern wurden in der Vergangenheit kaum gehört, was u. a. an einer sich zu entwickelnden Außenpolitik liegen mag. Gerade im Abstimmungsverhalten in der Generalversammlung wird die koloniale Vergangenheit und die Loyalität zu den ehemaligen Kolonialmächten deutlich. Dies mag insbesondere auch an den zur Verfügung gestellten Entwicklungsgeldern liegen. Dennoch wird das Potenzial regionaler Zusammenarbeit im ozeanischen Raum erkannt und verleiht der Region ein stärkeres  Stimmgewicht. Trotz aller Bemühungen kommt es weiterhin zu massiven  Umweltzerstörungen, illegalem Rohstoffabbau und Abholzungen. Zudem bedarf es angesichts der hohen Analphabetenrate weiterhin Bildungsprojekten (13). Die diplomatischen Bemühungen zur Umsetzung sind hoch, was auch ein Besuch von Papst Franziskus im vergangenen Jahr verdeutlichte. Knapp 95 % der Bevölkerung sind Christen. Franziskus fand großes Gehör und mahnte, dass die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung bei der Verteilung der Erlöse und der Beschäftigung von Arbeitskräften in angemessener Weise zu berücksichtigen seien, um damit die Lebensbedingungen wirksam verbessern zu können (14). Nur durch gemeinsame internationale Politik und eine Behebung der Korruption zur Stabilisierung der nationalen Regierung kann dies konsequent umgesetzt werden. Dabei sollten nationale Interessen einiger einflussreicher Industrie- und Schwellenländer in den Hintergrund treten und durch klare Ziele in der Entwicklungszusammenarbeit ersetzt werden. 

Schlussfolgerung für die künftige Entwicklung Papua-Neuguineas 

Für Papua-Neuguinea sind nationale Stabilität und eine nachhaltige Entwicklung Voraussetzung für eine effektive regionale Mitgestaltung, während regionale Partnerschaften den globalen Einfluss stärken. Obgleich das Land nicht zu den mächtigen und einflussreichen Industrienationen zählt, wächst seine Bedeutung in einer multipolaren Welt, in der Klima, Ressourcen und geopolitische Räume neu verhandelt werden, stetig. Dabei ist entscheidend, ob es dem Land gelingt, seine eigene Entwicklung souverän zu gestalten und dabei seine reiche kulturelle Vielfalt als Stärke zu nutzen. Der Weg dorthin ist noch lang, aber das Potenzial groß: Als heterogenes Gebiet, rohstoffreiches Land und Brücke zwischen Asien und Ozeanien könnte PapuaNeuguinea in den kommenden Jahrzehnten eine weit sichtbarere Rolle einnehmen – vorausgesetzt, es gelingt, die nationale Identität zu festigen, regionale Verantwortung zu übernehmen und globale Chancen klug zu nutzen. 

 

Karl Robert Ahrend 

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(1) Hasenkamp O. Die pazifischen Inselstaaten in den UN [Internet]. Zeitschrift Vereinte Nationen. 2016. Verfügbar unter: https://zeitschrift-vereintenationen.de/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_2016/Heft_1_2016/05_Beitrag_Hasenkamp_VN_116_28-1-2016.pdf [aufgerufen am 24.04.2025]. 

(2) Müller S. Die deutsche Kolonie Neuguinea [Internet]. Universität Göttingen; [kein Datum angegeben]. Verfügbar unter: https://www.goettingenkolonial.uni-goettingen.de/index.php/orte/die-deutschenkolonien/die-deutschen-suedsee-kolonien [aufgerufen am 26.04.2025]. 

(3) Zoll P. Bougainville stimmt mit 86 Prozent für Unabhängigkeit von Papua-Neuguinea – warum es noch Jahre dauern könnte, bis der jüngste Staat der Welt existieren wird [Internet]. 2019 Dec 11. Verfügbar unter: https://www.nzz.ch/international/referendum-in-bougainville-ein-neues-land-im-suedpazifikld.1515299 [aufgerufen am 26.04.2025]. 

(4) Deutscher Bundestag. Antwort der Bundesregierung auf die SchriftlichenFragen: BT-Drs. 19/29449, S. 23 [Internet]. 2021. Verfügbar unter: https://dserver.bundestag.de/btd/19/294/1929449.pdf [aufgerufen am 23.04.2025]. 

(5) Tagesschau. Der brutale Alltag in Papua-Neuguinea [Internet]. 2024 Nov 17. Verfügbar unter: https://www.tagesschau.de/ausland/ozeanien/papua-neuguinea-stammeskriege-100.html [aufgerufen am 24.04.2025]. 

(6) ZDF. Papua-Neuguinea: Dutzende Tote bei Kämpfen [Internet]. 2024 Feb 19. Verfügbar unter: https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/papua-neuguinea-tote-kaempfe-staemme-100.html [aufgerufen am 23.04.2025]. 

(7) Barkhausen B. Machtkampf im Pazifik [Internet]. IPG-Journal; 2023 Jun 05. Verfügbar unter: https://www.ipg-journal.de/regionen/asien/artikel/machtkampf-im-pazifik-6742/ [aufgerufen am 25.04.2025]. 

(8) Zoll P. Wie die Salomonen ins Visier der Grossmächte geraten sind [Internet]. Neue Zürcher Zeitung; 2023 Jun 30. Verfügbar unter: https://www.nzz.ch/international/die-salomonen-zwischen-china-undden-usa-im-geopolitischen-ringen-ld.1729688 [aufgerufen am 26.04.2025]. 

(9) The World Bank. Papua New Guinea overview [Internet]. 2024. Verfügbar unter: https://www.worldbank.org/en/country/png/overview [aufgerufen am 23.04.2025]. 

(10) Gieler W. in: Die Außenpolitik der Staaten Ozeaniens. 1. Aufl. Paderborn: Ferdinand Schöningh; 2010. S. 273–274. 

(11) Ohice of the High Commissioner for Human Rights (OHCHR). National report submitted in accordance with paragraph 5 of the annex to Human Rights Council resolution 16/21: Papua New Guinea [Internet]. 2022 Jul. Verfügbar unter: https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/upr/wgsessions/39th/2022-0714/HC-Papua-New-Guinea.pdf [aufgerufen am 23.04.2025]. 

(12) United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC). Papua New Guinea - High-level  Segment Statement COP 26 [Internet]. 2021. Verfügbar unter: https://unfccc.int/documents/309862 [aufgerufen am 23.04.2025]. 

(13) Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste. Einzelfragen zur Bemessung der Alphabetisierungsrate und des  Analphabetismus in Deutschland, Europa und der Welt [Internet], S. 17. 2018. Verfügbar unter: https://www.bundestag.de/resource/blob/571560/af3fde9a34fb72b7cdf5cf6443d82e22/wd-8071-18-pdf-data.pdf [aufgerufen am 24.04.2025]. 

(14) Vatican News. Papst in Papua-Neuguinea: Ressourcenreichtum bringt Verantwortung [Internet]. 2024 Sep 07. Verfügbar unter: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2024-09/papstfranziskus-papua-neuguinea-autoritaeten-verantwortung.html [aufgerufen am 24.04.2025].