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OCHA-Bericht: Globale humanitäre Lage verschärft sich drastisch

Hungerkrisen, Infektionskrankheiten und gewaltsame Vertreibung: Rund 168 Millionen Menschen weltweit werden im Jahr 2020 humanitäre Hilfe benötigen – so viele wie nie zuvor. Zwei globale Entwicklungen tragen besonders dazu bei.

Ein jemenitisches Mädchen mit ihren fünf Schwestern vor einem Zelt in einem Flüchtlingslager.
Rund 24 Millionen Menschen in Jemen benötigen humanitäre Hilfe - darunter auch die zwölfjährige Soonia (links) und ihre Schwestern. (OCHA/Giles Clark)

„Wir lagen falsch“, eröffnet Mark Lowcock den diesjährigen Bericht des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA). In dem Bericht, der jährlich unter dem Titel „Global Humanitarian Overview“ erscheint, analysiert das OCHA die aktuell gravierendsten humanitären Probleme auf der Welt. Damit verbunden nennt die UN-Nothilfeorganisation verschiedene Lösungsvorschläge und deren finanziellen Förderbedarf – den sie für das Jahr 2019 deutlich unterschätzt hat. Dies wird in dem diesjährigen Ausblick auf die zukünftige humanitäre Lage deutlich.

Einer von 45 Menschen weltweit braucht humanitäre Hilfe

Laut des aktuellen Berichtes brauchen rund 168 Millionen Menschen in 53 Ländern humanitäre Hilfe und Schutz. Knappe 29 Milliarden US-Dollar werden laut des OCHA für das Jahr 2020 benötigt, um den Menschen zu helfen, die es am Schwersten getroffen hat – derzeit schätzungsweise 109 Millionen Menschen weltweit. Und für diese Menschen, so der Bericht, könnte es in Zukunft noch schwieriger werden.

Gewaltsame Konflikte und der Klimawandel – eine verheerende Kombination

Eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung spielen gewaltsame Konflikte, die im Jahr 2019 zum ersten Mal in vier Jahren wieder zugenommen haben: Insgesamt 41 bewaffnete Konflikte weltweit bedrohen die Existenz betroffener Menschen. Darunter sind „wie immer besonders die Kinder die Leidtragenden“, sagt Ursula Müller, stellvertretende Nothilfekoordinatorin der OCHA, auf der GHO-Auftaktveranstaltung im Auswärtigen Amt. Rund 12.000 Kinder wurden in Konflikten getötet oder verstümmelt – die höchste jemals gemessene Zahl.

Neben gewaltsamen Konflikten werden extreme Wetterereignisse vermehrt humanitäre Krisen auslösen. Stürme und Überflutungen werden in Folge des Klimawandels ebenso zunehmen wie Dürren, welche die Nahrungsgrundlage von Millionen von Menschen vernichten können. Kommen in solchen von Naturkatastrophen verursachten Krisen noch menschgemachte Konflikte hinzu, können diese sich gegenseitig verstärken. „Die acht schlimmsten Nahrungsmittelkrisen der Welt sind alle von einer Kombination aus Konflikten und den Folgen des Klimawandels mitverursacht“, sagt Ursula Müller. 

Zahl der Binnenvertriebenen erhöht sich drastisch

Die gravierenden Folgen dieser beiden Faktoren werden insbesondere in Sub-Sahara-Afrika deutlich. So hat sich seit 2015 – als Folge von schweren Stürmen, Überflutungen und bewaffneten Konflikten – die Zahl der Flüchtenden in der Region innerhalb von drei Jahren verdoppelt. „Vertriebene, die innerhalb der eigenen Landesgrenzen Zuflucht suchen, bleiben dabei allzu oft unbeachtet“, sagt Ursula Müller mit Ausblick auf die globalen Fluchtströme.

Diese Sorge teilt auch Jan Egeland, Generalsekretär des norwegischen Rats für Flüchtende. Binnenvertriebe müssten besser geschützt werden, bevor sie überhaupt fliehen – und zwar „nicht durch mehr Decken“, sondern durch „ein Ende des gewaltsamen Konflikts“, der überhaupt erst die Flucht verursache. Dies gelte insbesondere für die Länder Äthiopien, die Demokratische Republik Kongo und Syrien, die mehr als die Hälfte aller Binnenvertrieben weltweit stellen.

Müller: „Das Leben wird für viele Menschen auf unserem Planeten immer schwieriger.“ 

Gewaltsame Konflikte sind laut OCHA auch eine Hauptursache für den enormen Anstieg von Infektionskrankheiten weltweit. Dies zeigt sich an der humanitären Notlage in Jemen besonders deutlich: Neben Malaria und Cholera ist in Folge der mangelhaften gesundheitlichen Versorgung im Bürgerkriegsland eine Dengue-Fieber-Epidemie ausgebrochen. Rund 80 Prozent der jemenitischen Bevölkerung sind laut des OCHA in akuter humanitärer Not. Rund 3,2 Milliarden US-Dollar werden laut der UN-Nothilfeorganisation daher aktuell für den Jemen benötigt – zusammen mit Syrien der höchste Anteil des finanziellen Förderbedarfs für 2020. 

Die Anzahl der von humanitären Krisen betroffenen Menschen ist heute größer als jemals zuvor. Nichtsdestotrotz, so Müller, gebe es auch eine positive Entwicklung: „Nie war humanitäre Hilfe so gut wie heute.“

29 Milliarden US-Dollar für humanitäre Hilfe benötigt

Dies zeigt sich in der Reichweite der humanitären Hilfe, welche die OCHA 2019 koordiniert und statistisch erfasst hat: Mehr als 61 Millionen Menschen konnten im Rahmen des Humanitarian Response Plan (HRP) der UN-Nothilfeorganisation erreicht werden, mehr Menschen als je zuvor. So wurden insgesamt rund 75 Prozent der Finanzmittel aller humanitären Aktionen weltweit durch das OCHA koordiniert. Neben umfangreichen Impfaktionen gegen Infektionskrankheiten wie Cholera, Masern und Ebola konnte damit beispielsweise mehr als 32 Millionen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht werden. 

Langfristig plant das OCHA Krisen vor ihrem eigentlichen Ausbruch zu bekämpfen, was sich 2019 unter anderem am Fall Somalia zeigte: Durch schnelles Handeln und eine „massive Aufstockung der Hilfsleistungen konnten wir erreichen, dass eine Million Menschen, die als akut von Hunger bedroht galten, dieser Gefahr entgehen konnten“, sagt Ursula Müller. Doch für die eigentlich benötigte Bandbreite an Maßnahmen fehlt es der UN-Nothilfeorganisation alljährlich an Geld: November 2019 fehlte den Vereinten Nationen von der erhofften Summe von rund 29 Milliarden US-Dollar rund die Hälfte.

Philipp Nöhr


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