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Praktisch ausgeschlossen: Die Beteiligung von Frauen in Friedensverhandlungen

Ende Oktober wurde bei der jährlichen Debatte des UN-Sicherheitsrats zu Frauen, Frieden und Sicherheit eine weitere Resolution verab­schiedet. Während der internationale Rechtsrahmen wächst, lässt die gleichberech­tigte Einbeziehung von Frauen in Friedensverhandlungen auf sich warten.

Frauen demonstrieren am Internationen Frauentag 2007 in der liberianischen Hauptstadt Monrovia gegen Gewalt an Frauen. (UN Photo/Eric Kanalstein)

Studien belegen: Die Beteiligung von Frauen in Friedensprozessen trägt dazu bei, dass diese nachhaltiger werden. Trotzdem sind Frauen an den meisten Verhandlungstischen nicht zu sehen. Die meisten Friedensverhand­lungen werden ausschließlich von männlichen Vertretern der betroffenen Konfliktparteien geführt. Meist liegt der Anteil von Frauen bei wenigen Prozent, das Maximum sind ein Drittel der Verhandelnden. In nur wenigen Ländern wie den Philippinen und Kolumbien betrug die Teilnahme von Frauen in den sogenannten Verhandlungen der ersten Ebene (Track I) knappe 30%. In zahlreichen Friedensverhandlungen waren gar keine Frauen in den Delegationen, so etwa in Bosnien-Herzegowina, Elfenbeinküste, Indonesien oder Sierra Leone.

Als Grund für die fast ausschließliche Beteiligung von Männern wird häufig genannt, dass die militärischen und politischen Führungsebenen – tradi­tionelle Männerdomänen – als erste zur Einigung kommen müssen und Frauen erst auf anderen Ebenen (Track 3) der Verhandlung miteinbezogen werden können. Dabei wird der Beitrag von Frauen auf diese Prozesse weit unterschätzt. Ihre tatsächlichen Rollen in und Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklung von Konflikten und in den Friedensprozessen bleiben oft unerkannt oder werden von vornherein ausgeblendet.

Doch zu nachhaltigem Frieden gehört mehr als eine ausgehandelte Waffenruhe. Oft braucht es Jahrzehnte bis die gegnerischen Parteien wirklich aufeinander zugehen, verzeihen und nach vorne blicken können. Stabilisierung, Wiederaufbau und Versöhnung finden nicht über Nacht und nicht ausschließlich an Verhandlungstischen statt, sondern in langandauernden, vielschichtigen und generationsübergreifenden Prozessen. Die Rolle von Frauen wird dabei oft übersehen und unterschätzt. Viel zu oft werden sie ausschließlich als Opfer geschlechterspezifischer Gewalt und Krieg porträtiert. Dabei sind sie überall auf der Welt Teil der politischen und mitunter auch der bewaffneten Auseinandersetzungen – vor allem aber leisten sie auch einen Beitrag zu Frieden und Sicherheit.

 

Einflussnahme durch Mobilisierung

Das wohl prominenteste Beispiel für Friedensaktivismus von Frauen ist die Frauenbewegung in Liberia. Bei den Verhandlungen für eine Beendigung des Bürgerkriegs 2003 versammelten sich hunderte von weiß gekleideten Frauen, umstellten das Verhandlungsgebäude und übten so lange Druck aus, bis es zu einer Einigung der Konfliktparteien und somit zu einem Friedensabkommen kam. Gleichzeitig verhandelten die vielen Frauen hinter den Kulissen, wie man trotz Bürgerkrieg zu einer Einigung kommen könnte. Im darauffolgenden Friedensprozess und unter der Regierung von Ellen Johnson Sirleaf – der ersten weiblichen Präsidentin der westafrikanischen Republik – trug die Beteiligung von Frauen­organisationen wesentlich zur Stabilisierung des Landes bei. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreis 2011 an Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, Leymah Gbowee und Tawakkol Karman wurde die besondere Bedeutung von Frauen in Friedensprozessen gewürdigt.

Aber auch in anderen Regionen der Welt haben Frauen durch Demonstrationen und Proteste Einfluss auf Friedensverhandlungen genommen. In Guatemala konnten Frauen aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten durch die Asamblea de Sociedad Civil, die zivilgesellschaftliche Versammlung, dazu beitragen, dass die Belange verschiedener Bevölkerungsgruppen stärker berücksichtigt werden. Die Beiträge der Versammlung wurden von den Vereinten Nationen in die Hauptverhandlungen aufgenommen. Auch am Verhandlungstisch (13% Frauenanteil), im Friedensabkommen selbst und in der Zeit nach dem Konflikt wurde die Perspektive von Frauen berücksichtigt.

Und im Friedensprozess im indonesischen Aceh brachten Frauenkongresse im Jahr 2000 und dann in 2005 mehrere hunderte Teilnehmerinnen zusammen. Auf diesen Friedenskonferenzen wurden konkrete Empfehlungen für den Friedensprozess formuliert, die anschließend im Parlament diskutiert wurden.

Doch weder in Indonesien noch in Guatemala, Liberia oder anderen Ländern der Welt ist eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen in Frieden- und sicherheitspolitischen Entscheidungsprozessen die Norm geworden. Frauen sind weder in den Parlamenten noch in den Ministerien auf gleiche Weise vertreten wie Männer.

 

Versprechen umsetzen

Nicht immer sind es offizielle Verhandlungen der Konfliktparteien oder große, sichtbare Bewegungen und Proteste, die einem Frieden Stabilität verleihen, sondern viele kleine Gesten der Versöhnung, soziale Projekte und Friedensinitiativen, die oft von Frauen initiiert und umgesetzt werden. Sie finden im Kleinen, mit wenig Geld und auf Gemeindeebene statt. Häufig sind es lokale Frauenorganisationen oder informelle Netzwerke von Frauen, die soziale Versorgungslücken schließen und einen Beitrag für den Frieden vor Ort leisten, ohne dafür Anerkennung oder Entschädigung zu bekommen. Es sind die Anlaufstellen für Überlebende der Gewalt, die Sozialzentren und die Begegnungstätten, die den Versöhnungsprozessen und dem Wiederaufbau Dauer verleihen.

Um die vielen formellen und informellen Beiträge von Frauen in Friedensprozessen anzuerkennen, bedarf es nicht nur eines internationalen Rechtsrahmens, der die Beteiligung von Frauen in Friedensverhandlungen verlangt, sondern vor allem auch die Anerkennung dessen, was Frauen jeden Tag für den Frieden leisten. Dazu gehört auch, lokale Nichtregierungsorganisationen und Frauen aus Konfliktregionen aktiv in Entscheidungsprozesse wie die Debatten des UN-Sicherheitsrats einzubeziehen. Besonders aber braucht es die praktische Umsetzung rhetorischer Versprechen. Eine theoretisches Recht auf Beteiligung schafft noch lange keine tatsächliche Inklusion. Frauen müssen aktiv und konsequent an die Verhandlungstische geholt und dort ernst genommen werden. Dabei spielen internationale Organisationen und Geberländer, die für viele Verhandlungen den Rahmen stellen, eine große Rolle. Das gilt für New York und Genf wie für Juba und Doha.


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