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Das Corona-Virus als Chance für die internationale Zusammenarbeit

Das Corona-Virus hält die Welt in Atem. Die isolierenden, abschottenden Maßnahmen zahlreicher Staaten haben massive Auswirkungen auf fast alle wirtschaftlichen und sozialen Bereiche. Die Krise sollte aber auch als Chance verstanden werden, die Möglichkeiten für die Agenda 2030 eröffnen kann.

Ein Stück des SDG-Puzzles mit SDG3 "Gute Gesundheitsvorsorge"
Ein Stück des SDG-Puzzles mit SDG3 "Gute Ge­sundheitsvorsorge" (UN Photo/Manuel Elias)

Das neuartige Corona-Virus hält die Welt in Atem. Die Infektionszahlen steigen in vielen Ländern exponentiell. Die isolierenden, abschottenden Maßnahmen zahlreicher Staaten haben massive Auswirkungen auf beinahe alle wirtschaftlichen und sozialen Bereiche. Sie gehen einher mit einem wachsenden Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Die schwer überschaubaren Auswirkungen der Pandemie dominieren die Diskussion. Die Corona-Krise sollte aber auch als Chance verstanden werden. Denn wenn wir aus ihr lernen, kann sie auch besondere Möglichkeiten im Sinne der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und für eine Intensivierung der internationalen Zusammenarbeit eröffnen.

Das Globale Nachhaltigkeitsziel (SDG) 3 widmet sich den Themen Gesundheit und Wohlergehen. Die gegenwärtige Krise verdeutlicht den Mehrwert intakter Gesundheitssysteme für die anderen SDGs. Krankheit gefährdet Bildung, politische Teilhabe, Einkommen und damit Existenzen. Gesundheit mag nicht alles sein – doch ohne Gesundheit ist alles nichts. In den SDGs hat sich die internationale Gemeinschaft auch explizit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Aids und Malaria verschrieben. Das Ziel, diese bis 2030 zu beseitigen, scheint jedoch in weiter Ferne. In den letzten Jahren starben bei rund 38 Millionen HIV-Infizierten jährlich noch 770.000 (2018). Von 219 Millionen Malaria-Infizierten (2017) starben 435.000, zum größten Teil in Afrika.

Die entsprechenden Zahlen für das neuartige Corona-Virus (rund 7,1 Millionen Infizierte und 410.000 Tote; 10.06.2020)liegen insbesondere für die Zahl der Erkrankten deutlich darunter. Dass die Pandemie dennoch bereits seit einer frühen Phase des Ausbruchs beispiellose Aufmerksamkeit erfuhr, liegt in der besonderen gesellschaftlichen und politischen Bedrohungswahrnehmung: Dieses Corona-Virus ist für den Menschen neu, die Übertragung verläuft sehr schnell von Mensch zu Mensch, der Ausbreitungs- und Krankheitsverlauf ist schwer vorherzusagen, es entfaltet sich ausbruchsartig auch in Europa und überfordert selbst unsere Gesundheitssysteme. Im Gegensatz zu bekannten, besser berechenbaren Infektionskrankheiten, die sich über lange Zeiträume und in großer geographischer Distanz entwickeln, berührt der Diskurs um das Corona-Virus daher auch hierzulande die nationale Sicherheit. Genau diese Form der gesellschaftlichen Verarbeitung kann jetzt ein Katalysator für notwendige Reformen sein.
 

Katalysator für Reformen

Gesundheitskrisen mit enormen Handlungsdruck waren in der Vergangenheit Beschleuniger für Innovationen und strukturellen Wandel, wie es die Beispiele Pest (Auslöser erster internationaler Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich) oder SARS (Reform der Infektionskrankheitenkontrolle) belegen. In Zeiten nationalistischer Tendenzen müssen nun Weichenstellungen zugunsten stabiler Strukturen für internationale Zusammenarbeit vorgenommen werden. Der jüngst veranstaltete Wiederauffüllungsgipfel der Impfallianz Gavi, die den ärmsten Ländern der Welt Impfstoffe zu niedrigeren Preisen ermöglicht, wurde mit hohen finanziellen Zusagen durch insgesamt 32 Geber als Gelegenheit dafür genutzt. Die Corona-Krise zeigt einmal mehr, wie fatal sich schwache Gesundheitssysteme lokal und global auswirken. Diese zu stärken, in fragilen Ländern wie in Mitteleinkommensländern, ist ein wichtiges Betätigungsfeld für die Entwicklungszusammenarbeit insgesamt.

Deutschland sollte das Momentum auch dafür nutzen, den Wert multilateraler Formate zu betonen. Die Corona-Bedrohung zeigt, dass isolierte Maßnahmen einzelner Staaten unzureichend sind und sogar negativ sein können. Globale Kooperation kann grenzüberschreitenden Gesundheitsbedrohungen wirksamer begegnen, wenn längst bekannte Schwierigkeiten in der globalen Governance und Finanzierung adressiert werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte in ihrer Finanzierung nicht von Beiträgen nichtstaatlicher Akteure wie der Gates Foundation abhängig sein. Damit Impfstoffe, Medikamente und medizinischer Bedarf schnellstmöglich entwickelt, bereitgehalten und eingesetzt werden können, müssen internationale Organisationen, Staaten und die leistungsfähigsten Anbieter unabhängig von ihrem nationalen Hintergrund gemeinwohlorientiert kooperieren. In diesem Sinne könnte sich Deutschland auch in der anstehenden EU-Ratspräsidentschaft für eine Stärkung der globalen Gesundheitskooperation einsetzen, etwa indem der Handlungsspielraum des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) erweitert wird.

Auch digitale Formate (Online-Meetings, Video-Konferenzen u.a.) haben erhebliches Potenzial, zu internationaler Kooperation und der Umsetzung der Agenda 2030 beizutragen. Bisher ist es vor dem Hintergrund der Klimakrise nicht gelungen, Mobilität so zu gestalten, dass Emissionen und Schadstoffe ausreichend gesenkt werden. Nun zwingt die aktuelle Notlage Unternehmen und öffentliche Akteure zu einer raschen Anwendung moderner Kommunikationslösungen. Die Krise ist mehr als ein Weckruf. Sie liefert Anlass und Legitimität für einen tiefgreifenden Wandel, der in Strukturen mit starken Pfadabhängigkeiten mitunter fehlt. Dazu gehört neben der nötigen Infrastruktur auch ein kultureller Wandel hin zu modernen Technologien und der Einübung guter Praxis für Zusammenarbeit im virtuellen Raum. So können Initiativen zur Erreichung gesundheitsbezogener und weiterer Nachhaltigkeitsziele von der Corona-Krise profitieren. Auch wenn während der Corona-Krise das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung dominiert ­– die Seuche könnte der internationalen Kooperation am Ende sogar mehr nützen als schaden.


Dr. Paul Marschall und Dr. Wulf Reiners arbeiten im Forschungsprogramm Inter- und transnationale Zusammenarbeit des Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE), wo dieser Artikel in ähnlicher Form in der Reihe "Die aktuelle Kolumne" erschienen ist.


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