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Nach der COP26: Kleine Fortschritte reichen nicht für 1,5 Grad

Am 12. November 2021 endete die Klimakonferenz in Glasgow. Wie ist die Bilanz? Der Kohleausstieg wurde im Abschlussdokument festgeschrieben und eine Bedienanleitung für das Pariser Klimaabkommen verhandelt. Und trotzdem müssen die Staaten mehr Tempo beim Klimaschutz machen.

Von oben sieht man jede Menge Menschen zwischen Stellwänden. Über ihnen hängt ein großer, erleuchteter Globus
Luftansicht der Klimakonferenz in Glasgow, November 2021. (Foto: Oliver Hasenkamp, DGVN)

Am Ende zerrte die Klimakonferenz in Glasgow an den Nerven der Konferenzteilnehmenden. Vor allem der britische Gipfelpräsident Alok Sharma dürfte das so empfunden haben. Mit bebender Stimme und mühsam unterdrückten Tränen entschuldigte er sich bei den Delegierten, dass der Konferenzprozess aus dem Ruder gelaufen war.

Was war passiert? Erstmals erwähnt der Beschluss einer Klimakonferenz die fossilen Energien. Denn nicht einmal im Pariser Klimaabkommen werden Kohle und Co. explizit genannt. Die Länder – so stand es im ersten Entwurf der Abschlusserklärung – werden dazu aufgerufen, „die Kohleverstromung und die Subventionen für fossile Energien auslaufen zu lassen". Doch mehrere Länder wie etwa China und Indien störten sich an der Formulierung. Es kam zu mehreren Abschwächungen, sodass die Kohleverstromung nun nur noch „langsam beendet“ werden soll. Schweiz, Mexiko und mehrere Inselstaaten ihrerseits kritisierten die entschärfte Version, die letzten Endes doch angenommen wurde – auch, damit der erarbeitete Klimapakt von Glasgow in trocknen Tüchern ist.

Glasgow-Pakt stärkt 1,5-Grad-Bekenntnis

Die Staaten erkennen mit ihrer Einigung außerdem an, dass sie ihre Bemühungen fortsetzen müssen, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Denn es ist klar, dass die Klimawandelfolgen bei 1,5 Grad geringer ausfallen werden, als bei zwei Grad. Diese Anerkennung ist somit eine Stärkung des 1,5-Grad-Ziels. Schließlich hieß es noch imm Pariser Abkommen, dass die Erwärmung auf deutlich unter zwei, vorzugsweise auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll.

Weil sich die Erde bisherschon um etwa 1,1 Grad erhitzt habe, sei eine rasche, tiefgreifende und nachhaltige Senkung der Emissionen erforderlich. Demnach sollen die Emissionen bis 2030 auf 45 Prozent im Vergleich zu 2010 und bis zur Mitte des Jahrhunderts sogar auf null sinken. Doch den bisherigen Klimaplänen der Länder zufolge wird der Treibhausgasausstoß bis 2030 um 14 Prozent steigen, statt sinken. Deshalb sollen die Länder schon im nächsten Jahr ihre Klimaziele für 2030 nachschärfen. Diese Forderung geht ebenfalls über die Anforderungen des Pariser Klimaabkommens hinaus, indem die Länder nur alle fünf Jahre verpflichtet waren, neue Ziele vorzulegen.

Stillstand bei Klimafinanzierung

Keine Fortschritte brachte die Klimakonferenz beim Thema Klimafinanzierung für Entwicklungsländer. Schon im Vorfeld des Gipfels war klar, dass die ab 2020 versprochenen 100 Milliarden US-Dollar nicht zusammenkommen werden. Dass die Industriestaaten das Versprechen ab 2023 erfüllen wollen, konnte Delegierte aus Entwicklungsländern nicht zufriedenstellen.

Vor allem ärmere Länder pochten auf mehr Unterstützung für die Anpassung an den Klimawandel. Bislang fließt etwa ein Viertel der Klimafinanzierung in Maßnahmen, die den Treibhausgasausstoß der Entwicklungsländer senken sollen, wie etwa in den Ausbau von erneuerbaren Energien. Nach Willen der Entwicklungsländer sollte gleich viel Geld in die Senkung der Treibhausgasemissionen und in die Anpassung an die Klimawandelfolgen fließen. Doch mit dieser Forderung konnten sich die Entwicklungsländer nicht durchsetzen. Immerhin erreichten sie eine formale Verurteilung der fehlenden Gelder. Die Industriestaaten werden aufgefordert, die Klimafinanzierung für Anpassungen bis 2025 mindestens zu verdoppeln – im Vergleich zu 2019.

Wer soll für Schäden bezahlen, die es schon heute gibt?

Keine Einigung gab es beim Thema Schäden und Verluste, die heute schon durch den Klimawandel entstehen – etwa durch Extremwetterereignisse wie Starkregen oder Dürren. Aus Sicht der G77, einer Gruppe von Entwicklungsländern, braucht es eine sogenannte Fazilität für Schäden und Verluste, eine formelle Einrichtung zur Bereitstellung von Mitteln.

Die Entwicklungsländer sind besonders verletzlich gegenüber dem Klimawandel. Denn die Folgen der Klimakrise können schnell die Existenzgrundlangen der Menschen bedrohen. Die Industrieländer sind als Hauptverursacher des Treibhausgasausstoßes besonders in der Verantwortung.

Ein Erfolg: Immerhin ein längst überfälliger Punkt konnte in Glasgow abgehakt werden. Noch sechs Jahre nach der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens fehlten konkrete Regeln für den Handel mit Verschmutzungszertifikaten unter den Ländern. Manche Industrieländer wollen ihre Emissionen dadurch senken, dass sie Projekte zur Senkung der Treibhausgasemissionen in Entwicklungsländer bezahlen. Nun gelang es immerhin zu verhindern, dass die Zertifikate doppelt angerechnet werden – einmal von dem Land, in dem das Klimaschutzprojekt umgesetzt wird und einmal von dem Land, das für eingesparte Emissionen bezahlt. Allerdings wurden auch „Zertifikate“ aus dem Vorläufer-Abkommen, dem Kyoto-Protokoll, übernommen, sodass der Zertifikathandel erst zu Emissionsminderungen führen wird, wenn die alten Zertifikate verbraucht sind.

Die Staaten müssen sich an die Arbeit machen

Die Länder einigten sich auch auf gemeinsame Regeln für die Berichterstattung über Emissionen und Maßnahmen. Die Auslegungsregeln für das Pariser Abkommen stehen größtenteils, jetzt geht es vor allem um die Umsetzung.

Schon in Glasgow konnte man beobachten, wie sich das Wesen der Klimakonferenzen wandelt. So wurden auf der 26. Klimakonferenz etliche Verpflichtungen von Staaten oder privaten Akteuren vorgelegt, um den Treibhausgasausstoß zu minieren. Die illegale Abholzung der Wälder soll bis 2030 enden, der Kohleverbrauch soll sinken oder der Ausstoß von Methan bis 2030 um 30 Prozent verringert werden. Wenn die Staaten ihre Versprechen einhalten, können sie eine neue, positive Dynamik entfalten.

Klimaaktivistin Greta Thunberg bezeichnete die Konferenz als „Bla bla bla“. Es gebe noch immer keine Garantie, dass das Pariser Abkommen erreicht werden könne. Der Generalsekretär der UN, António Guterres, forderte die Länder zu mehr Tempo auf. „Wir klopfen immer noch an die Tür zur Klimakatastrophe“, warnte Guterres. Es sei an der Zeit, in den Notfall-Modus zu wechseln, sonst sei die Chance, das Netto-Null-Ziel zu erreichen gleich null, sagte der UN-Generalsekretär zum Abschluss der COP.

Sandra Kirchner


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