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Wie Konflikte die Ernährungssicherheit weltweit gefährden

Konflikte bringen nicht nur vor Ort Leid über die Zivilbevölkerung, sondern haben weltweit Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit. Auch nach dem Scheitern des Schwarzmeerabkommens zwischen Russland und der Ukraine zeigt sich: Vor allem Menschen aus den ärmsten Ländern tragen die Last.

Zwei Personen schauen in einen offenen Container mit Getreide auf einem Schiff.
Transport im Rahmen des Schwarzmeerabkommens.

(Foto: Duncan Moore/UNODC/flickr/CC BY 2.0 DEED/"Black Sea Grain Initiative")

Nachdem Russland einer Verlängerung nicht zugestimmt hatte, lief am 17. Juni 2023 das durch die Vereinten Nationen und die Türkei vermittelte Schwarzmeerabkommen über die Ausfuhr von Getreide aus. Seit dem Ende des Abkommens ist der Export landwirtschaftlicher Güter über das Schwarze Meer fast komplett zum Erliegen gekommen. Das hat massive Auswirkungen auf die globalen Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse wie Getreide und katastrophale Folgen für die weltweite Ernährungssicherheit.

Hungerkrisen weltweit verschärfen sich

Mit Beginn des Krieges blockierte Russland die Ausfuhr von Gütern über das Schwarze Meer. Da sowohl Russland als auch die Ukraine zu den größten Produzenten weltweit von Getreide, aber auch Sonnenblumenöl, Mais, Gerste und Weizen gehören, hatte das Auswirkungen auf die globale Ernährungssicherheit. Die UN-Koordinatorin für die Prävention und Bekämpfung von Hungersnöten Reena Ghelani hob erst kürzlich in einer Rede vor dem UN-Sicherheitsrat den Zusammenhang von bewaffneten Konflikten und Hunger hervor. Bewaffnete Konflikte seien nicht nur eine Hauptursache für Hunger, sondern „nähren sich gegenseitig“. Konflikte zerstören die Lebensgrundlage von Menschen, vernichten Lebensmittel und begünstigen Vertreibung. Die Konsequenzen von Nahrungsmittelknappheit und steigenden Preisen bei Nahrungs- und Düngemittel tragen vor allem die ärmsten Länder der Welt. So gingen rund 90% der Weizenexporte aus der Ukraine zwischen 2016 und 2021 nach Afrika und Asien.

Wie dramatisch die Lage der weltweiten Nahrungsmittelversorgung ist, zeigt der Appell der Exekutiv- und Generaldirektoren fünf internationaler humanitärer UN-Organisationen, Banken und Handelsorganisationen, die Anfang 2023 auf die Verschärfung der globalen Nahrungsmittel- und Ernährungskrise hinwiesen. Sie forderten alle UN-Mitgliedstaaten dazu auf, von Hunger betroffenen Regionen Hilfe zukommen zu lassen. Laut Welternährungsprogramm (World Food Programme – WFP) befinden sich unter anderem die Ukraine, Afghanistan, Jemen und Syrien in akuten Notsituationen. Insgesamt sind weltweit 345 Millionen Menschen in 79 Ländern von Ernährungsunsicherheit betroffen. Das ist ein deutlicher Anstieg: 2021 waren noch 135 Millionen Menschen in 53 Ländern betroffen.

Die Rolle der UN im Schwarzmeerabkommen

Vor dem Hintergrund der globalen Nahrungsmittelkrise rief Guterres im März 2022 die Globale Krisenreaktionsgruppe für Ernährung, Energie und Finanzen (Global Crisis Response Group on Food, Energy and Finance - GCRG) ins Leben. Dadurch sollte auf die anhaltende Krisen in den Bereichen Nahrung, Energie und Finanzen reagiert werden. Ein Element der GCRG, um zur weltweiten Ernährungssicherheit beizutragen, stellte der Abschluss des Schwarzmeerabkommens über die Ausfuhr von Getreide dar. Dazu vermittelten die UN zusammen mit der Türkei zwischen den Konfliktparteien Ukraine und Russland, um Exporte für Agrarerzeugnisse über das Schwarze Meer wieder zu ermöglichen. Die Bemühungen mündeten am 22. Juli 2022 in der Unterzeichnung von separaten Abkommen in Istanbul. Sowohl die Ukraine als auch Russland unterzeichneten jeweils ein Abkommen über die Ausfuhr von Getreide und Düngemitteln mit den UN und der Türkei. Guterres bezeichnete den Abschluss des Abkommens euphorisch als „Leuchtfeuer der Hoffnung“. Mit Abschluss des Abkommens wurde ein Koordinationszentrum zur Überwachung der Umsetzung eingerichtet, das die Bewegungen kommerzieller Frachter und die Einhaltung des Abkommens überwachte.

 „Die heutige Entscheidung der Russischen Föderation ist ein schwerer Schlag für Menschen in Not auf der ganzen Welt.“

Antonio Guterres nach Ende des Getreideabkommens

Insgesamt ermöglichte das Abkommen den Export von mehr als 30 Millionen Tonnen Getreide und landwirtschaftlichen Produkte aus der Ukraine. Gleichzeitig leistete das Schwarzmeerabkommen einen wichtigen Beitrag zur Senkung der globalen Lebensmittelpreise um 23%, nachdem diese im März 2022 ein Allzeithoch erreicht hatten. Nach dem Ende des Schwarzmeerabkommens kam es bereits wieder zu einer deutlichen Verteuerung von verschiedenen Grundlebensmitteln. Am stärksten betroffen waren die Preise für Pflanzen- und Sonnenblumenöl, die im Juli 2023 um 12,1% beziehungsweise 15% im Vergleich zum Vormonat anstiegen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sieht diese Preisentwicklung als direkte Folge des Ende des Schwarzmeerabkommens und führt sie auf die Unsicherheiten für die internationalen Märkte zurück.

Düstere Aussichten

Seit dem Ende des Schwarzmeerabkommens bemühen sich die UN, Russland wieder zu einer Rückkehr zum Abkommen zu bewegen. Dazu unterbreitete Guterres Russland Ende August konkrete Vorschläge, doch das lehnt die Wiederaufnahme des Abkommens zurzeit ab. Bedingung für eine Rückkehr sei, dass die westlichen Beschränkungen für den Export von russischen Agrarprodukten aufgehoben werden. Russland fordert außerdem, die Russische Agrarbank Rosselkhozbank wieder an das internationale SWIFT-System anzubinden, aus dem die Bank durch das sechste EU-Sanktionspaket ausgeschlossen wurde. Bisher konnte kein Kompromiss erreicht werden.

In der Ukraine zeigt sich leider auch deutlich, dass Hunger nicht nur ein Nebenprodukt von Konflikten ist, sondern gezielt als Kriegstaktik eingesetzt wird - eine rote Linie für internationalen Frieden und Sicherheit. Laut ukrainischen Angaben wurden seit Juli fast 300 000 Tonnen Getreide zerstört, die unter anderem für den Export in verschiedene afrikanische Länder, China und Israel vorgesehen waren. Darüber hinaus wurde für den Export wichtige Infrastruktur wie Getreidespeicher, Lagerhäuser und Hafenanlagen an der Donau und dem Schwarzen Meer zerstört. Die UN-Mission zum Monitoring der Menschenrechtssituation in der Ukraine (UN Human Rights Monitoring Mission in Ukraine - HRMMU) kritisiert die Zerstörung kritischer Infrastruktur der Landwirtschaft auf das Schärfste. Dies hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Menschenrechtslage in der Ukraine, sondern ist ein direkter Angriff auf die globale Ernährungssicherheit. Solche Angriffe besitzen das Potential, alle durch das Schwarzmeerabkommen erzielten Erfolge zunichtezumachen.  

Aufgrund der globalen Bedeutung werben die UN weiterhin beharrlich für eine Rückkehr zu dem Schwarzmeerabkommen. Am 20. September hat Guterres vor dem Sicherheitsrat erneut sein Bedauern über das Ende des Schwarzmeerabkommens ausgedrückt. Er appellierte eindringlich an alle Parteien, zu dem Abkommen zurückzukehren und warnte vor gravierenden Folgen für die weltweite Ernährungssicherheit.

Frederic Loew


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