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Die SDGs – Kein gutes Leben für alle?

Die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) finden weltweit Anerken­nung. Sie werden von Regierungen und der Wirtschaft gelobt und von gro­ßen Teilen der Zivilgesellschaft gewürdigt. Doch inwieweit ermöglichen sie wirklich ein gutes Leben in Würde für alle? Zeit für einen kritischen Blick.

Ansicht der SDG-Blocks vor dem UN-Hauptquartier in New York.
Ein farbenfroher Blick auf die SDGs vor dem UN-Hauptquartier in New York. (UN Photo/Manuel Elias)

Nachhaltige Entwicklung gilt als Leitbild des 21. Jahrhunderts. Mit der im Jahr 2015 unterzeichneten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verfolgt die UN nichts weniger als die „Transformation unserer Welt“ zugunsten der Menschen, des Planeten und des Wohlstands.

Unzählige globale Konferenzen basieren auf den 17 SDGs und ihren 169 Zielvorgaben, Billionen Dollar werden in sie investiert und zahlreiche Stiftungen, Delegationen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Konzerne verbreiten sie wie ein Mantra. Auch die sechs größten Werbeagenturen bewerben sie auf der ganzen Welt. Auf den ersten Blick scheint es daher schwer, etwas gegen die SDGs zu sagen. Doch angesichts der Verschärfung der ökologischen- und klimatischen Krise sowie der weltweit wachsenden enormen Ungleichheit, stellt sich die Frage nach grundlegenden Problemen der SDGs.
 

Widerspruch des Wachstums

Die UN-Mitgliedsstaaten betonen in der Agenda 2030 die Notwendigkeit einer Welt, in der die Menschheit „in Harmonie mit der Natur“ lebt. Sie verpflichten sich, die globale Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius zu halten, nehmen sich Ressourceneffizienz in Konsum und Produktion vor und streben eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch an. Diese Vorgaben signalisieren ein Bewusstsein dafür, dass unser globales Wirtschaftssystem tiefgreifende Probleme aufweist.  

Zugleich basieren die SDGs auf genau dem Wirtschaftssystem, mit dessen zugrundeliegendem Wohlstands- und Wachstumsmodell die sogenannten höher entwickelten Länder die Weltgemeinschaft in die Umwelt- und Ressourcenkrise hineingeführt haben. Das SDG 8 fordert ein Wachstum des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mindestens sieben Prozent in den am wenigsten entwickelten Ländern und ein weltweit erhöhtes Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum „entsprechend den nationalen Gegebenheiten“. Doch eine Studie, die für den kürzlich veröffentlichten UN Global Sustainable Development Report (GSDR) 2019 in Auftrag gegeben wurde, argumentiert, dass die heutige „dominante Wirtschaftstheorie“ nicht geeignet sei, die ökologische Krise zu beheben. Als Grund wird angegeben, dass sie fälschlicherweise auf der Annahme eines anhaltenden energetischen und materiellen Wachstums beruht. Das BIP ist laut dem GSDR als Gradmesser für Wohlstand ungeeignet, da es negative Ergebnisse, wie ökologische Folgekosten und irreversible Schäden von Ökosystemen, ignoriert.
 

Zu zaghafte Schritte gegen enorme Ungleichheit

17 Prozent der Menschen in Industriestaaten konsumieren 80 Prozent aller weltweit verfügbaren Ressourcen. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt über die Hälfte des weltweiten privaten Gesamtvermögens und profitierte 2018 von 82 Prozent des weltweit erwirtschafteten Vermögenswachstums.

Die Agenda 2030 erkennt diese Problematiken zwar zum Teil an, fordert aber nur zaghafte Schritte. Sie legt dar, dass ohne die Reduzierung der „enormen Unterschiede der Chancen, des Reichtums und der Macht“ in und zwischen Ländern die Verwirklichung der SDGs nicht möglich sei. Dazu fordert das SDG 10, bis 2030 „nach und nach ein über dem nationalen Durchschnitt liegendes Einkommenswachstum der ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung“ zu erreichen und zu erhalten.

Doch einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bezeichnen dieses Ziel in einem offenen Brief an die UN als „völlig unzureichend“: Die Zielvorgaben fordern kein sofortiges Handeln und setzen bei der  Verringerung der Ungleichheit primär auf Wirtschaftswachstum. Dies könnte jedoch nicht bis 2030 erreicht werden und würde zudem die ökologischen Grenzen des Planeten um ein Vielfaches sprengen. Daher wird ein Umdenken und sofortiges Handeln gefordert: Bereits ein bescheidener Abbau der weltweiten Ungleichheit würde die sozioökonomische Lage der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung enorm verbessern. Armut könnte somit auf eine Art und Weise überwunden werden, in der die ökologischen Grenzen respektiert werden und die zugleich dabei hilft, den Klimawandel zu bekämpfen.
 

Privatisierung unserer Ökosysteme

Seit den 1980er Jahren haben multinationale Unternehmen ihre wachsende Macht genutzt, um den privaten Sektor als die bessere Alternative für die Daseinsvorsorge darzustellen und seine weitere Stärkung zu fordern. Dies wiederum führte zu einer weltweiten Schwächung des öffentlichen Sektors und seiner Fähigkeit, den Menschen lebenswichtige Güter und Dienstleistungen bereitzustellen.

Die Kosten für die Umsetzung der SDGs werden auf bis zu sieben Billionen Dollar jährlich geschätzt, wobei die Länder des Globalen Südens vor einem jährlichen Defizit von 2,5 bis drei Billionen Dollar stehen. Die UN betonen, dass eine erfolgreiche Umsetzung der SDGs nur unter der Mitwirkung des privaten Sektors stattfinden könne, da öffentliche Finanzierungen allein nicht ausreichen. Dafür werden ihm Umsatzchancen in Höhe von zwölf Billionen Dollar versprochen, ein doppelt bis dreifach erhöhtes Wachstum, verglichen mit dem durchschnittlichen BIP in den nächsten zehn bis 15 Jahren und eine Minderung der Geschäftsrisiken. Zur Förderung des privaten Sektors wurden zahlreiche UN-Initiativen wie beispielsweise der UN Global Compact gestartet. Zu dessen Mitgliedern gehören auch multinationale Unternehmen wie Cargill, Nestlé, Bayer, BP und Shell, die allesamt von NGOs des Ökozids beschuldigt werden. Während die Konzerne im UN-Rahmen verkünden, wie die Welt durch ihre Investitionen und SDG-Pilotprojekte eine bessere werde, sind sie oft für genau die globalen Probleme verantwortlich, die die Agenda 2030 versucht zu lösen. Ihnen werden neben der Klima- und Umweltzerstörung auch Menschenrechtsverletzungen, die Vertreibung indigener Völker und Steuerbetrug in Milliardenhöhe vorgeworfen.

Grundlegende Transformation erforderlich

Der Ausgangspunkt des GSDR 2019 ist alarmierend in Bezug auf den Zustand der weltweiten Ökosysteme und der enormen Ungleichheit. Die bisherigen Erfolge der SDGs sind enttäuschend, und der Menschheit läuft die Zeit zum Handeln davon. Der Bericht betont: Das größte transformative Potenzial der Agenda 2030 beruht auf einer Veränderung der Grundpfeiler, bei der die Wechselwirkungen der SDGs im Mittelpunkt stehen. Denn Transformation bedeutet nicht nur die Verfolgung einzelner Ziele, sondern die grundlegende Veränderung von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen.

Die UN bekräftigen in der Agenda 2030, dass sich auch die Industrieländer ändern müssten, doch trotzdem thematisieren die SDGs nicht das Ende einer imperialen Lebens- und Produktionsweise. Auch wenn sich sozialökonomische Verbesserungen der Lebenssituation in einigen Länder des Globalen Südens beobachten lassen, bleiben die weltweiten Wirtschaftsstrukturen bisher unverändert und der ökologische Zustand des Planeten besorgniserregend. Ein Lernen vom Globalen Süden – gerade im Hinblick auf andere Wissens- und Gesellschaftsformen, ein gutes Leben und ein anderes Verhältnis zur Natur – steht noch aus.

Die Alarmmeldung des GSDR, die Widersprüche und die Kritik an der Agend 2030, geben Anlass, die SDGs grundlegend zu hinterfragen: Wer dominiert den globalen Diskurs für nachhaltige Entwicklung? Wodurch ist extreme Armut entstanden? Wer profitiert am meisten von den SDGs? Wer entwickelt wen?

Laura Reiner


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